Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 168 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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bestimmte schließlich, daß beide zu den Galeeren verurteilt werden sollten, doch gelang es ihnen durch eine reiche Spende an ein Spital sich loszukaufen. Hatte Shakespeare wahrscheinlich von diesem wunderlichen Vorfälle gehört, so hat er wohl nur deshalb den Sach, verhalt umgekehrt, weil ihm eine derartige Grausamkeit doch eher zum Charakter eines Juden zu passen schien. Und Shakespeare soll wirklich in seinem Leben sehr wenig Juden gekannt haben, so daß er seine jüdische Gestalt wohl nur aus der Phantasie des Volkes heraufgeholt, vielleicht auch nur die in der vorshakespearischen dramatischen „Kunst" wohlbekannte Figur des wuchernden, starrsinnigen, oft auch blutgierigen Hebräers (wie indem Stücke „Barrabas" von Malo Blessi) überhaupt zum Typus des' durch die sittliche Mißhandlung selbstentmenschten Menschen machen wollte. Die psychologische Erklärung, die ja selbst einen Richard III. noch verständlich macht, ist noch keine Verherrlichung des Shylock, der immerhin ein Bösewicht, ein echt Shakespeare'scher Bösewicht ist. Wenn Shylock den Begriff -der Gnade nicht einmal erfassen kann und in den Schein die Pflicht, dem Mißhandelten wenigstens einen Verband anzulegen, nicht findet, so sind das Züge, die es vollauf berechtigt erscheinen lassen, wenn Antonio von seinem harten, „jüdischen" Herzen spricht, ja konsequenterweise mußte Shakespeare selbst nach dem ganzen Charakter des Shylock dem zustimmen. Welche Rechtfertigung seines Rachegefühles liegt denn darin, daß er keinen anderen Grund für die Berechtigung desselben weiß als „eingebor'nen Haß und Widerwillen", als die Unfähigkeit seiner Leidenschaft nicht nachzugebe»? Wie unrichtig hat vollends Shakespeare hier ein Familienleben gezeichnet, wo zwar der Vater die einzige menschliche Seite seines Gefühlslebens ganz auf sein Kind concentriert, aber in einer Liebe, die blind für das wirkliche Wesen der Tochter ist, die er nur wie seinen Schatz sorgsam bewacht und behütet. So ist es denn erklärlich, daß das Kind — ebenfalls ganz unjüdisch — sich des Vaters schämt und es ein Glück nennt „ist mir ein Vater, euch ein Kind dahin." (Schluß folgt) Inhalt: Ahasver in Sage und Dichtung. — Zur Geschichte der Juden in Tirol' und Vorarlberg. (Schluß). — Shakespeares „Shylock." Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Di-. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Auffarth; Druck und Inserat-Annahme: H. L. Brünner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfurt am Main.