Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Wie altes, längst verwittertes Gestein. Vom Antlitz fließt herab der Bart so hell Wie düst'rem Fels enströmt ein.Silberquell. In dunkler Höhle glüht des Auges Stern Als säh's auf dieser Erde nichts mehr gern. In jammernden Tönen küßt Ahasver den Toten und beneidet ihn um sein Schicksal, aus dem Leben gegangen zu sein, ehe er es gekannt. Plötzlich eilt er von dannen, die Weiber bekreuzigten sich, sie „schauderten an seinem Schatten." In dem anderen Gedichte träumt der Dichter wie Ahas. mit einem unendlich peinvollen Antlitz einem Jäger sich gegenüber stellt/ um sich von ihm erschießen zu lassen. Chamisso hat ein Gedicht „Ahasver" geschrieben und ein solches von Beranger übersetzt. Sonstige lyrische Bearbeitungen gibt es von Wilh. Schlegel, Wilh. Müller, Zedlitz, Schreiber, Pfizer, Schenkendorf. In dem Gedichte „Jehovah" von Carmen Sylva erscheint er als Engel des Zweifels. Der Tiroler Adolf Pichler kündet ihn, daß er nicht bis zum jüngsten Gerichte warten müsse, sondern daß jederzeit in seiner eigenen Brust die Posaunen zu ewiger Ruhe blasen können. Dir, auch dir ist es verkündet, Jenes Evangelium. Glaube! Liebe! und für immer Bleibt des Fluches Donner stumm. Die Ahasversage liefert uns eine seltsame Analogie mit Ahasver selber. Auch sie selber irrt gleichsam von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit, sie gehört keinem einzelnen Sagenkreise, keiner einzelnen Zeitperiode an, weil sie überhaupt nicht wie andere Sagen das eigene Dasein der Völker verherrlicht, sondern ein fremdes Element behandelt; fremd aller Orten und zu aller Zeiten „die ewig — andern Ahasverossöhne" wie es in Uriel Acosta heißt. Die Entwicklung der Sage ist selbst charakteristisch für die Beurteilung jüdischen Volkes und Geistes; erst religiöser Haß, dann Mitleid und falsche Beurteilung, In treffenderer Weise hat Vechlicky den Gedanken der Ewigkeit des jüdischen Volkes ausgedrückt in den Worten des Rabbi Akiba an den römischen Statthalter: „Uns könnt Ihr töten — Allein der Jude lebt, denn er ist ewig. Er heißet Ahasver, er heißet Christus. Er heißt die Menschheit."