Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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157 nicht, aber Veronika bedeckt sein Antlitz mit einem Tuche und als sie es wegnimmt, erblickt Ahasver auf demselben den Ausdruck himmlischer Verklärung. Geblendet von der Erscheinung, wendet er die Äugen weg und vernimnit die Worte: „Du wandelst auf Erden, bis Du mich in dieser Gestalt wieder erblickst." Der Betroffene kommt nach langer Ohnmacht wieder zu sich und findet die Straßen Jerusalems öde; da treiben ihn Unruhe und Sehnsucht fort und er beginnt seine Wanderung. Julius Mosen hat ein gedankentiefes Epos geschrieben, zu dem ihm ein Vorfall in seiner Kindheit die erste Anregung gab. In seinem Heimatsdorfe hieß es eines TageS, daß der Jude durchwandere und Schäfer erzählten, mit ihn« gesprochen zu haben. Der Inhalt des Epos rührt an die tiefsten Probleme, wie überhaupt fast jede Ahasverdichtung geradezu philosophische Fragen aufrollt. Als Gott die Natur, sein eigenes Werk umschlang, so heißt es in einem der ersten Gesänge, da wollte Natur unter dem Hauche der übermächtigen Gottheit vergehen, sie floh von ihm und schuf sich selbst eine Welt, die nur natürlichen Wesen bis zum Höchste«, dem Menschen Er ist der erste, der durch Schicksal und innere Ahnung ein Göttliches erkennen muß, aber erst nach langen Kämpfen. Nach der christlichen Anschauung erscheint Jesus als derjenige, der den Kampf des Menschen aufgehoben, indem er die Göttlichkeit als das Einzige, Übernatürliche erkennt, mit dem sich der Mensch, von der natürlichen Entstehung sich losmachend, zu vereinigen habe. Die Natur widerstrebt lange dieser Wiedervereinigung, sie sucht das Leben als Leben zu erhalten, und Ahasver erscheint nun als Typus eines Menschen, der sich gegen die Vernichtung des Lebens aufbäumt, dafür aber alle Qual des Lebens als solchen empfinden soll, der aber schließlich den Inhalt desselben im rastlosen Emporstreben erkannt und nur um desfentwillen leben will. Der Schuster von Jerusalem wird durch die Not der Zeiten zu dem, was er wird. Ein römischer Statthalter will ihm in frechem Übermut die Blüthe seines Lebens, seinen Knaben Rüben und seine Tochter Lea zu Schmach und Verbrechen nach Rom führen, da entschließt sich der Vater, ein zweiter Virginus, die Kinder zu ermorden. In seinem verzweifelten Schuldbewußtsein und Schmerz, leuchtet ihm eine Hoffnung. Durch Veronika erfährt er von der glänzenden Gestalt Jesu, dem er begeistert folgen will. Ist er der Messias, dann wird er sein Volk, das unter dem Drucke des Römerjoches schwer seufzet, zu Glanz und Herrlichkeit erheben. Als aber Jesus das Volk verwirft für ewige Zeiten, da erfaßt ihn Verzweiflung an dem Walten eines Gottes überhaupt und bittern Haß gegen Christus. Das ist das Motiv seiner That und die Ursache, seines Fluchs, den ihm ein Engel verkündet. Aus Liebe zu seinem Volk, aus Hoffnung auf ein Wiedererwachen der Freiheit, haßt er Christus, haßt er Gott und die Welt.