Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 155 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969887--6047-2975372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 Ahasver ist keine dramatische Gestalt, dazu fehlt die Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit der Handlung Eine Ahasvertragödie müßte meiner Ansicht nach nur in Jerusalem spielen, aber die Hauptsache, das ewige Wandern, das eigentlich Tragische an ihm, läßt sich nicht darstellen, weil die Vorstellung der unendlichen Zeit, sich mu rein gedanklich bilden und nicht durch sinnliche Mittel erregen und verstärken läßt. Könnte man selbst Ahasver in einem Abend alle die 19 Jahrhunderte erleben lassen, dann fehlte die Vorstellung, daß das eben wirklich 1900 Jahre sind, ließe man aber, um das zu verdeutlichen, einzelne entlegene Abschnitte der Geschichte an uns vorüberziehen, dann fehlte die Deutlichkeit, daß das in dem Schicksal dieses Mannes ein Ganzes bedeutet, und ein Mensch allein als Hauptperson kann kein Drama geben. Es ist in der That meines Wissens die Sage nur einmal dramatisiert worden und zwar von Klingeberg in einem Trauerspiel das seinerzeit ein beliebtes Repertoirstück des Wiener Burgtheaters war. Dagegen ist Ahasver eine lyrische und vor allem eine epische Gestalt non plus ultra. Er ist mehr als ein Held, weil ihm alles Heldentum und alle geschichtliche Größe nur ein Gegenstand der Betrachtung ist, er, der alles schon erlebte, begreift die Weltgeschichte, sie in sich aufnehnien, ist sein Epos. Er ist eine durchgeistigte Figur, die, über dem Schicksal erhaben, selbst die Menschheit repräsentiert. Wir wollen nun die einzelnen Gestaltungen der Sage in der Literatur besprechen. In des „Knaben Wunderhorn" findet sich ein kurzes, hübsches Gedicht „Das Leiden des Herrn". Da heißt es: Er trägt das Kreuz, er trägt die Welt, Er ist dazu von Gott bestellt. Er trägt es mit gelass'nem Mut, Es strömet von ihm Schweiß und Blut. Erschöpfet will er ruhen aus Vor eines reichen Juden Haus, Der Jude stieß ihn spottend weg, Er blickt ihn an, geht seinen Weg. Herr Jesus schwieg, doch Gott der bannt Den Juden, daß er zieht durch's Land Und kann nicht sterben nimmermehr Und wandert immer hin und her. In schaurig-packender Weise führt ihn Daniel Schubert in seiner Rhapsodie: „Ahasver, der ewige Jude" ei», wie er aus einer Felsenkluft Karmels heraustritt, in rasender Wuth die Schädel seiner Verwandten herausschleudert in grimmigem