Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Die Sage wurde selbstverständlich auch zu betrügerischen Zwecken mißbraucht. So erschien z. B. 1623 in Upern ein Mann in hübscher türkischer Maskerade, der sich bei der Schildwache für den ewigen Juden ausgab. Der Soldat führte ihn zum Richter, der ihm die Erlaubnis gab, durchzuziehen, falls er wirklich, wie der Betrüger vorgab, nur sein Brot erbetteln wolle. Er erregte natürlich allgemeines Staunen, wnrde vom Erzbischof zur Tafel geladen, am nächsten Tage von einem italienischen Hauptmann, der jedoch einen alten Diener hatte, welcher in der geheimnisvollen Persönlichkeit einen alten Regimentskameraden, namens Delporte, zu erkennen glaubte. Indessen wußte sich der ewige Jude die Liebe der Tochter seines Hauswirtes zu gewinnen, er versprach ihr die Ehe und erzählte ihr, daß er stets verheiratet gewesen sei, seine 123. Frau sei vor drei Monaten gestorben. Da tauchte plötzlich in Upern eine junge Frau auf, die nach dem ewigen Juden fragte. Als sie ihn endlich fand, sagte sie ihm'- „Nun, lieber Mann, wann gedenkt Ihr nach Hause zurückzukehren? Ihr habt mich ja ohne Geld zurückgelassen." Als dieser leugnete, seine wirkliche Gemahlin zu kennen, klagte sie ihn vor Gericht, inzwischen bestätigte auch der ehemalige Regimentsoberst, daß Delporte ein Deserteur seines Regiments sei. Ein Kriegsgericht verurteilte ihn schließlich zum Galgen. Gegenwärtig scheint sich der ewige Jude jenseits des atlantischen Oceans aufzuhalten Wenigstens stammt der letzte Bericht über ihn aus einer mvrmonischen Zeitung, wo es heißt, daß Ahasver im Jahre 1868 einen Pächter besuchte, dem er als Anerkennung für die gefundene gastliche Aufnahme einen in Schweinsleder gebundenen Folianten zum Geschenk machte, der Auszüge aus dem Talmud enthielt, nebst einem Zeugnis, daß der Geber der echte Ahasverus sei. Ist die Ahasversage ihrer Entstehung nach hauptsächlich religiöse Legende, trat in den älteren Berichten hauptsächlich das Motiv der Strafe für seine Sünde hervor, erscheint er selbst gelegentlich, bereits getauft, als Mahner zur Frömmigkeit, so hat ihm die BolkSsage immer mehr rein menschliche Züge verliehen, immer mehr das Moment des reinen, mitleidswerten Unglücks hervorgehoben, in ihm das ruhelose Irren, einen gemeinsamen Zug der menschlichen Natur personifiziert. Aus dem steten Wechsel des Schicksals, aus dem Wogen der eigenen Gefühle nach einer Einheit, nach äußerem und innerem Frieden zu streben und gleichzeitig zu erkennen, daß diese absolute Ruhe nur das Nichts sei, und nach diesem Nichts zu streben, diese tiefmenschliche Idee des Kampfes nach dem Nichtsein macht Ahasver zu einer poetischen Gestalt, die dem Faust, dem Kämpfer nach dem höchsten Sein, gegenübersteht. Andererseits erscheint er selbst.^als das Bleibende im Wechsel; als die Unbeständigkeit, das einzig Beständige. Er repräsentiert für den Christen den Zweifel an der Wahrheit, den Trotz des Menschen gegen seine eigene Erhebung, der ihn statt emporstreben nur ziellos umherirren läßt.