Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 149 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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149 nach England, besuchte das Kloster St. Albans und erzählte von verschiedenen Eigentümlichkeiten seines Landes. Da befragte man ihn unter anderem nach jenem berühmten Joseph, der bei den Leiden des Herrn zugegen war, mit ihm gesprochen hatte und zum Beweise der Wahrheit des christlichen Glaubens noch lebt. Der Bischof berichtet ungefähr folgendes: Als Christus zur Kreuzigung abgeführt wurde, versetzte ihm an der Pforte der Thürhüter des?r«.eto^ riums und des Pilatus, Cartaphilus verächtlich mit der Faust einen Schlag in den Nacken und sagte spöttisch zu ihm: „Geh doch schneller, Jesus, was zögerst Du?" Darauf sah Christus ihn traurig an und sagte: „Ich gehe, und Du wirst warten, bis ich wiederkomme." Und so wartet er nach dem Worte des Herrn. Er war damals ungefähr 30 Jahre alt; so oft er das hundertste Jahr erreicht hat, befällt ihn eine unheilbare Krankheit, er stirbt genest aber plötzlich iu einem Zustand der Extase und komnit er wieder in das Alter, in dem er bei dem Leiden des Hetrn stand. Als sich der katholische Glaube immer mehr ausbreitete, ward CartaphiCis von Ananias zum Christentum bekehrt und erhielt den Namen Joseph. Er wohnt gewöhnlich in Armenien oder in anderen Orten des Orients, lebt unter Bischöfen und Prälaten als ein Mann von heiligen Sitten und heiliger Rede,, spricht wenig oder Überhaupt nicht, außer wenn Bischöfe und fromme Männer ihn fragen. Dann erzählt er von der Vergangenheit und den näheren Umständen der Kreuzigung und Auferstehung, über die Apostel und ihre Predigten, und dieses alles ohne Lachen und irgendwelche Leichtfertigkeit in den Worten, wie einer, der mehr in Thränen und in der Furcht des Herrn wandelt. Auffallend an der Sage ist neben der Wiederverjüngung, die an den Phönix des Altertums erinnert, der Name Cartaphilus, sowie der Umstand, daß er bereits getauft ist. Den Namen hat man in Zusammenhang gebracht mit Kartaphylax, so hieß am byzantinische» Hof das Amt eines Archivars und Bibliothekars, das bei den Kirchenvätern vielfach als Symbol für das jüdische Volk erscheint. So erblickt z. B. Augustinus den einzigen vernünftigen Zweck des Judenvolkes und den Grund seiner Erhaltung darin, daß es die alten heiligen Bücher zum Zeugnis der Wahrheit des christlichen Glaubens avfbewahre. „O großes Geheimnis! Heute überzeugen wir durch der Juden Bücher. Die Heiden werden gläubig durch ihre Schriften". „Durch die ganze Welt zerstreut sind sie die Custoden unserer Bücher geworden". Man sieht auch an dieser wie an viel späteren Gestaltungen der Sage, wie dieselbe zu belehrenden Zwecken verwendet wird. Es lebt ja noch jemand, der die Geschichte des Heilands miterlebt, der all die Wunder mit angeseh'n, ja sein eigenes Fortleben ist selbst ein Wunder, das noch heute besteht. Natürlich eignet sich zu solchen Zwecken seine Gestalt als frommer Christ besser als die eines Juden. Ei» viel späterer Bericht aus Deutschland vom Jahre 1602 ist der von Chrysostomus Dudulaeus über die Begegnung des Schleswiger Bischofs Paulus