Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Deutliche Gestalt gewinnt die Sage erst in viel späterer Zeit im Mittelalter, manche Gelehrte haben sogar behauptet, daß sie erst damals entstanden und nur aus der Sage vom wilden Jäger hervorgegangen sei. Man hat andererseits nachgewiesen, daß der wilde Rode oder Rodensteiner, der in vielen Studentenliedern figuriert, niemand anderes sei, als ein verstümmelter „Herodes", ebenso wie die zauberische Berchtha, der Schrecken der Kinder, ein ins Weibliche und Deutsche übersetzter. „Epiphanes", was beides „glänzend" bedeutet. Überdies heißt dieselbe Gestalt in der ital. Sage wirklich Bifana. Herodes, der den bethlehemitischen Kindermord veranlaßt, und der Juden-- verfolger Antiochns Epiphanes zeigen ja gewisse Ähnlichkeit mit Nero, die ärgsten Sünder müssen alle ruhelos umherirren, „unstet und flüchtig" wie der erste Frevler, wie Kain, der auch in der Sage mit Ahasver ähnliche Züge aufweist. Daß letzterer die poetisch zum Individuum gemachte Gestalt des irrenden und nach damaliger Auffassung verdammten jüdischen Volkes war, darüber besteht kein Zweifel. Und das Volk der Juden ivurde von den Kirchenvätern wiederholt mit dem Erzsünder Kain verglichen. So mahnt z. B. Augustinus, die Juden schonend zu behandeln. Wohl ist das Volk besiegt von den Römern, zerstört ihre Stadt, sie dürfen nicht in ihre Heimat zurückkebren — und dennoch sind sie Juden. Sie bleiben mit ihrem Zeichen. Ist es doch Kain, welchem Gott ein Zeichen gegeben hat, daß ihn niemand töte. Und Jesus sagte: „Selbst die mich töten, töte Du nicht*! Und daß auch er in der Sage ewig umherirrt, niemals sterben kann, berichtet unter anderem auch der Kirchenvater Hieronymus. Wir finden also unseren Juden in netter Gesellschaft, manchmal sogar identifiziert mit dem ersten und dem letzten Sünder, mit Kain und dem Antichrist. Das kann uns weniger verwundern, als seine Ähnlichkeit mit dem wilden Jäger, der doch niemand anders ist als Wotan, der höchste Gott der Germanen. Es wäre interessant, hier auf jene Volkssagen hinzuweisen, die ähnlich sich an eine Klasse von Menschen knüpfen, die gewöhnlich in den Geographiewerken für Mittelschulen neben den Juden stehen, weil auch sie über die ganze Erde verbreitet sind und seit Jahrhunderten ruhelos uuiherirrren, auf die. Sagen von den Zigeunern. Auch auf ihnen lastet der Fluch, von der Zeit der Entstehung des Christentums her, weil sie einst in Ägypten — und man hielt ja die Zigeuner früher für Ägypter — die von der Flucht müde Maria mit ihrem Kinde von der Ruhestätte verjagten. Eine andere Sage erzählt, der Fluch rühre daher, weil sie als Kesselflicker und Grobschmiede zuviel Nägel für das Kreuz des Heilands verfertigt hätten. Der erste Bericht von dem Erscheinen des ewigen Juden, findet sich gleichzeitig bei Matthaeus Paris, einem Chronisten des 13. Jahrhunderts der Mönch in St. Albans war, und in den Geschichtswerken zweier anderer Mönche desselben Klosters. Auf einer größeren Wallfahrt kam ein Erzbischof aus Großarmenien