Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-07-01 · Heft 7 (1.7.1900) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 7 (1.7.1900)
Date
1900-07-01
Page
Seite 146 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969879-2969887--6038-2975363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 gilt den alten Religionen als das einzig erstrebenswerte, das Jenseits ist düster schattig und schaurig. An sich ist ewiges Dasein höchste Wonne, es wird nur einem Tantalos, dem Danaiden und all den anderen Sträflingen der Unterwelt, es wird auch dem Prometheus zur Qual, aber nur weil es gleichzeitig ewiges Leiden ist. Erst Sophokles konnte in einer Blüthczeit der Cultur sagen: „Gar nicht geboren sein wäre den Menschen freilich das Beste, aber auch früh zu sterben ist gut". In den Sagen sehr verschiedener Völker und Zeiten leben die mächtigsten Männer und Lieblinge des Volkes nach ihrem Tode heimlich fort, bis sie dereinst zu neuen Thaten und Siegen erwachen, so Karl der Große im Untersberg, ebenso sein' Paladin Ogier der Däne, Friedrich Barbarossa, in der Schweiz der Tell, in England König Artus und viele andere. Juch an einige Gestalten der Bibel knüpfte sich schon in ältester Zeit die sagenhafte Vorstellung, daß sie nicht gestorben seien, zumeist daß sie zu großen Dingen weiterleben müssen. So Henoch, von dem eS in der Chronik des ältesten Menschengeschlechtes nicht wie bei allen übrigen heißt, daß er gestorben, sondern daß ihn Gott zu sich genommen, so Moses, dessen Grab nie gesehen^ wurde, und insbesondere Elia, von dem der Prophet Maleüchi verkündete, daß er am Ende der Zeiten als Vorläufer des Messias wiedererscheinen werde, und dessen Erwartung man am Sederabend durch das Öffnen der Thür symbolisch andeutet. Wenn wir nun aber vom „ewigen Inden" zu sprechen haben, so hat der nichts von jener olympischen Ewigkeit, von jener heiligen Berufserkorenheit an sich. All jene mythischen und mythisch ausgeschmückten Gestalten dürfen ewig leben, weil sie die seligsten Wesen oder die tüchtigsten Menschen sind, Ahasver darf nicht sterben, muß leben zur Strafe, zur ewigen Qual und Verdammnis. Die AhaSversage ist eine christliche, sie konnte erst zu einer Zeit entstehen, als bereits jene Umwertung der Werte stattgefunden hatte, nach welcher wie es in der „versunkenen Glocke" heißt, „das Leben Tod, der Tod das Leben ist", sie konnte nur einer Weltanschauung entspringen, die das Leben im Diesseits, umsomehr ein ewiges Leben im Diesseits als Fluch und Strafe betrachtet; ihre Grundstimmung ist eine düstere, ein seltsanies Gemisch von Fanatismus, frommen Haß und ein wenig Mitleid und allgemeinem Menschenjamuier. Ahasver ist allerdings.nicht die einzige Sagengestalt, die ruhelos und todessüchtig umherirrt, man denke z. B. nur an den wilden Jäger, den fliegenden Holländer, aber allen hat der freundliche Volksgeist eine endliche Erlösung prophezeit, z. B. in Gestalt eines liebenden Weibes, nur der Jude, der Bösewicht, der den Heiland verstoßen, muß wandern bis an den jüngsten Tag. Der erste Ursprung der Sage reicht jedenfalls in uralte Zeit zurück. Altevangelische, aber auch römische und jüdische Elemente haben ihren Antheil an der Entstehung der Legende. Im Evangelium sagt Jesus einmal zu einem Jünger in Bezug auf Johannes: „So ich will, daß er bleibe, bis ich wiederkomme, was geht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.