Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 ftreng nach dem Ritus des Glaubens seiner Väter wurden Dr. Wise die letzten Ehren erwiesen. Am frühen Morgen war die Leiche, die, getreu den Gebräuchen der jüdischen Religion nur mit dem Totenhemd bekleidet,. in einem einfachen, vollständig schmucklosen Holzsarge ruhte, von dem Sterbehause, No. 615 Mound-Straße, nach dem Tempel der B'ne Aeshurnn Gemeinde an der Plnm Straße übergeführt und dort aufgebahrt worden, nur den zahlreichen Verehrern des Greises Gelegenheit zu geben, einen letzten Blick auf die teuren Züge zu werfen. Schon lange, ehe die Thüren des Tempels geöffnet wurden, hatte sich trotz des änßerst ungünstigen Wetters eine sehr zahlreiche Menschenmenge eingefunden, die geduldig harrte, bis ihr der Zutritt zu dem Tempel gestattet wurde. Unter denen, die geduldig die Unbilden des Wetters ertrugen, »nt noch einmal das Antlitz des Dahingeschiedenen sehen zu können, waren Viele, die nicht zu den Glaubensgenosse» des Versto.denen gehörten, aber trotzdem die größte Hochachtung vor ihm hegten und dieser Hochachtung und Verehrung dadurch Ausdruck zu verleihen wünschten, daß sie dem Verblichenen die; letzte Ehre erwiesen. Unmittelbar vor der Kanzel, von der aus er Jahre hindurch die Mitglieder j seiner Gemeinde erbaut, getröstet und ermahnt hatte, war die sterbliche Hülle des! großen Rabbiners aufgebahrt, und eine Stunde lang passierte eine schier unabsehbare Reihe den mit einem schwarzen Tuch verhüllten Sarg und warf den Abschiedsblick auf das teure Antlitz, dem selbst der grimme Tod den Ausdruck der Herzensgute und des Friedens nicht hatte rauben können. Als einziger Schmuck lag auf dem Sarge ein kleiner Strauß duftender Veilchen und die Freimaurerschürze des Verstorbenen. An der Brust war ein Seidenband befestigt, mit der Inschrift „Deutsche Pionier-Verein von Cincinnati." Gegen halb zehn Uhr wurde der Sarg geschlossen und nachdem die Leidtragenden ihre Plätze eingenommen hatten, begann kurz nach zehn Uhr die Tranerfeier. Unter denen, die erschienen waren, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, befanden sich die sämmtlichen Rabbiner der Stadt, ver Board of Governors des Hebrew Union College, die Trustees des Mound Straße Tempels, die Trustees des Richmond Straße Tempels, die Trustees des Jobn Straße Tempels, die Trustees des Plnm Straße Tempels, die Fakultät des Hebrew Union College, eine große Anzahl auswärtiger Rabbiner und auch viele Geistliche der christlichen Konfession. Ferner ivaren unter den Leidtragenden alle Stände, alle Klassen, Israeliten sowohl tvie Christen vertreten, die sich mit dem Gefühl aufrichtiger Trauer und herzlichen Mitgefühls für die Angehörigen eingefunden hatten. Sobald die tiefgebeugte Wittwe und die übrigen Mitglieder der Familie ihre Plätze in unmittelbarer Nähe des Sarges eingenommen hatten, begann die Trauerfeier mit einem Präludium, worauf ein Doppel-Quartett, unter Orgel-, Harfe- und Cellobegleituug „Why art Thou cast down“ sang.