Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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{r* ***** s'V/s^V '*• ■ sipt>mv* — 128 der Rabbinerpvsten angeboten wurde, zögerte er nicht einen Augenblick, sondern folgte dem ehrenvollen Rufe und siedelte mit seiner Familie nach dieser Stadt über. Seine Stellung trat er im Monat April jenes Jahres an. Seitdem, also feit nahezu 46 Jahren, hat Dr. Wise ohne Unterbrechung an der Spitze dieser Gemeinde gestanden. Unter seiner Leitung ist dieselbe gewaltig erstarkt, so daß sie jetzt eine der größten und angesehensten israelitischen Gemeinden des Landes ist. In seiner Stellung als Rabbiner dieser Gemeinde entwickelte Dr. Wise bald eine energische Thätigkeit. Mit Feuerworten predigte er seine reformatorischen Ideen, mit Unerschrockenheit verfocht er seine Ansichten und gründete zu diesem Zwecke »och im Juli desselben Jahres den „American Israelite,“ welches jetzt das älteste noch bestehende jüdische Blatt in den Der. Staaten ist. Von den intelligenten und liberalen Mitgliedern seiner Gemeinde wurde Dr. Wise bei seiner reformatorischen Thätigkeit in der kräftigsten Weise unterstützt. Durch seine Ehrlichkeit und Offenheit, durch seine hohe Bildung und Intelligenz, durch seine Liberalität und Toleranz gewann er bald die Achtung und Anerkennung seiner Gemeinde und durch seine literarischen Arbeiten, die im „American Israelite" und im „Chicago Israelite,“ in der von ihm begründeten und bis in der letzten Stunde redigierten und mit seinem Tode eingegangenen „Deborah,“ sowie in der Tagespresse veröffentlicht wurden, verschaffte er seinen reformatorischen Ideen in weitesten Kreisen Eingang. Viele Jahre lang war Rabbi Wise der einzige Rabbiner westlich von den Alleghenies, der im Stande war, Reden und Predigten in englischer Sprache zu halten und bei dem raschen Zunehmen der jüdischen Bevölkerung waren seine Dienste beständig in großer Nachfrage. Er predigte, hielt Vorträge, legte Grundsteine, weihte Tempet ein, traute Brautpaare und vollzog Leichen-Zeremonien nach jüdischem Ritus, und nach allen Teilen des Landes, zwischen Pittsburg und San Francisco, Detroit und New Orleans, wurde er berufen um als Kanzelredner, Vorleser oder Rabbiner zu fungieren. Er war aber nicht nur seine bedeutende Gelehrsamkeit und glänzende Beredtsamkeit, die zu seinem Erfolge in so hohem Grade beitrugen, sondern auch die Reinheit seines Charakters, seine Generosität und Menschenfreundlichkeit, die ihm unter Juden sowohl, wie unter Andersgläubigen Tausende von Freunden erwarb und so in indirekter Weise zur Verbreitung seiner fortschrittlichen Ideen beitrug. Dr. Wise ist im vollsten Sinne des Wortes als der Begründer des amerikanischen Judaismus zu betrachten. Die Anregung und Durchführung der jüdischen Reformbewegung war ohne Zweifel das wichtigste und epochemachendste Werk des Verstorbenen. Nur wer die Verhältnisse kennt, die vor noch fünfzig Jahren unter den jüdischen Gemeinden in Europa und in Amerika herrschten, wird die volle Tragweite der von Dr. Wise eingführten Reformen begreifen können. Die strengen, auf altem Herkommen und mittelalterlichem Aberglauben beruhenden Ceremoniev,