Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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127 Der Beginn des Jahres 1847 fand Rabbi Wise mit seiner Frau und seinem erstgeborenen Töchterchen in New Aork. Gründlich ausgebildete Rabbiner waren damals in Amerika gesucht und es gelang ihm daher bereits nach mehreren Wochen, eine Stellung als Rabbiner an der Gemeinde Beth El in Albany, N. A., zu finden. Sein gründliches Wissen, der Ernst, mit welchem er sich seinem Amte widmete, und seine glänzende Beredtsamkeit machten auf die Mitglieder seiner Gemeinde einen großen Eindruck und sein Ruf verbreitete sich weit über die Grenzen Albanys hinaus. Bald sollte er aber die Erfahrung machen, daß der Pfad eines Reformators nicht mit Rosen besäet ist. Durchdrungen von der Ansicht, daß sich der Judaismus von den Schlacken des Mystizismus, von den veralteten, auf vererbtem Aberglauben beruhenden Gebräuchen emanzipieren und freiere, liberalere Ideen annehmen müsse, wenn er mit den kulturellen Fortschritten der Menschheit gleichen Schritt halten und sich vor dem Verfall bewahren wolle, that der junge Rabbi den ersten Schritt auf seiner reformatorischen Laufbahn und suchte die Mitglieder seiner Gemeinde für sein reformatorischen Pläne zu gewinnen. Der erste Versuch mißlang, aber wie zu erwarten stand und trug dem kühnen Neuerer die Ungunst der konservativen Elemente seiner Gemeinde in so hohen, Grade ein, daß sie ihn an einem erste» Neujahrstage mit Gewalt aus dem Tempel stießen. Nur wenige der fortschrittlich gesinnten Mitglieder der Gemeinde hielten zu ihm, doch ihre Zahl war nicht genügend, um die Gründung einer neuen Gemeinde zu rechtfertigen/ Ausgestoßen aus seiner Gemeinde und außer Stande, in Albany einen anderen Posten als Rabbiner zu finden, widmete sich Wise eine Zeitlang literarischen Arbeiten. Er schrieb in seiner Sturm- und Drangperiode zahlreiche reformatorische Artikel, die in dem einzigen jüdischen Blatte, das damals im Lande existierte, und in verschiedenen christlichen Blättern veröffentlicht wurden. Und damals war es auch, daß er sein erstes größeres Werk, die «Geschichte der israelitischen Nation" herausgab. Diese literarischen Arbeiten brachten dem Autor zwar Ruhm und Anerkennung in den weitesten Kreisen und lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sein reformatorisches Streben, doch in finanzieller Hinsicht trugen sie ihm kaum genug ein, um sein Leben und das seiner Familie fristen zu können. In jener kritischen Periode war es, da verschiedene christliche Freunde und Bewunderer des jungen Rabbiners, darunter Männer wie William Henry Seward und Thurlow Weed, ihm hilfreich unter die Arme griffen und ihm eine Stellung als Hilfsbibliothekar an der Staats-Bibliothek in Albany verschafften. Diese Stellung bekleidete er aber nur kurze Zeit, und folgte dann eiyem Rufe als Rabbi nach Charleston. Trotz der Erfolge, die er bereits zu verzeichnen hatte, fühlte Dr. Wise doch daß der Westen das beste Feld für seine reformatische Thätigkeit bieten würde. Als ihm daher im Jahre 1854 von Jber B'ne Jeshurun Gemeinde von Cincinnati