Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht doch, wir wollen beherzigen und halten die Ideale der Religion, welche aus der ersten, schönen Jugendzeit des Judentums uns entgegenschimmern, und sie stets vor Augen halten. Dann, wahrlich, werden mächtige Gewässer nicht verlöschen unsere Liebe zum Judentume, und alle Zeitströmungen werden es nicht fortreißen, bis der Tag erscheint, da alle Menschen in Demut sich dem Einigeinzigen beugen, — und einzig erhaben erscheint der Ewige an jenem Tage. Ar. Mac W. Wise. Geboren am 29. März 1819 in Steingrub, gestorben am 26. März 1900 in Cincinnati. In Dr. Wise hat das Judentum unstreitig einen seiner größten und besten Männer verloren. Für Amerika war er der Begründer des modernen Judentums und war nicht nur von seinen Glaubensgenossen hochangesehen und verehrt, sondern auch Andersgläubige wußten seine Verdienste als Reformator, als Erzieher, als Schriftsteller und als Gelehrten zu würdigen und sein Name hatte in weiten Kreisen sowohl diesseits wie jenseits des Ozeans einen vorzüglichen Klang. Der Lebenslauf Dr. Wise's ist ein außerordentlich interessanter. Seine Wiege stand in dem kleinen Dorfe Steiugrub, in Böhmen, ani Fuße des Erzgebirges, nicht weit von der Sächsischen Grenze, Dort erblickte er als Sohn armer und rechtschaffener Leute am 29. März 1819 das Licht der Welt. Schon als Knabe zeigte Jsaac Meyer Weisz solche Intelligenz und Lernbegierde, daß seine Eltern ihn für die rqbblnische Lüufbahn bestimmten, obgleich sie wohl wußten, daß dies bedeutende Opfer von ihnen fordern würde. Nachdem der Knabe die Dorfschule mit Auszeichnung absolviert hatte, schickten seine Eltern ihn nach Prag, wo er zuerst das Gymnasium absolvierte und zugleich die Talmudschule besuchte. Von Prag begab sich Wise nach Wien, wo er an der Universität seine Studien fortsetzte. Im Jahre 1843 promovierte er und bald darauf erhielt er auch einen Ruf als Rabbiner nach der kleinen Stadt Radnitz, wo er sich kurze Zeit später verheiratete. Der junge Rabbi fand sich aber in dem engen Kreise seiner Thätigkeit in Radnitz nicht heimisch. Seine vorzügliche Bildung, seine liberalere Weltanschauung und seine fortschrittlichen Ideen in Glaubensangelegenheiten drängten ihn, einen größeren Wirkungskreis zu suchen. Sein ganzes Wissen, sein Denken und Trachten stand mit den engen und veralteten Ideen des orthodoxen Judentums, ivie es ihn in seiner Gemeinde umgab, in solchem Widerspruch, daß der junge Rabbi beschloß, ein größeres Feld für seine Thätigkeit zu suchen und dort reformatorisch zu wirken. Er beschloß, nach Amerika, dem Lande der Freiheit, auszuwandern und benutzte jede Gelegenheit, um sich mit der englischen Sprache vertraut zu machen.