Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969886--6014-2975338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Anschauungskreis ändert, sogleich als Hebel benützt wird, die ganze Welt aus ihren Fugen zu heben. Es ist zum mindesten eine Vermessenheit, wenn solche bisher ungekannte Errungenschaften der Wissenschaft dahin ausgebeutet werden, Thatsachen und Ideen, deren Wahrheit bereis erwiesen, und tief in die menschliche Brust verpflanzt sind, zu verdunkeln, zu trüben, zu verkümmern. Es ist eine traurige Erscheinung, wenn hohle Phrasendrescherei, die den Mangel einer liefern Bildung zu verhüllen strebt, wenn leere Wortklauberei und Silbenstecherei, womit die Oberflächlichkeit den Anschein der Gelehrsamkeit annimt aus bloßer Sucht zu glänzen, ans eitlem Ehrgeiz, jene heilige Empfindungen zu ersticken strebt, die die fromme Ahnung in der stillen Menschenbrust erweckt. Das tiefere Studium eines nach reiner Wahrheit strebenden Geistes, eine leidenschaftslose Erwägung aller Verhältnisse und Thatsachen, wird nicht zu dem Resultate führen, das der starre Materialismus deduziert. Man wird prüfen, objektiv urteilen, und gar bald zu dem Schlüsse kommen, daß das Göttliche ewig göttlich und unwandelbar bleibt. Man wird erkennen, daß die zu Tage tretenden Gegensätze, es nur scheinbar sind, daß sie bei unbefangenem, vorurteilsfreien Streben, mit der Wirklichkeit leicht versöhnt werden, ohne deshalb eine Umwälzung, Auflösung und Verdammnis im Gefolge zu haben. Und wenn wir so weiter sehen, wie jedes Gläschen, das' da wächst, jede Frucht, die wir brechen, jedes Thier, das unser Auge schaut, jede Wolke, die am Horizont aufzieht, und jeder Stern immer seinen Kreislauf von Neuem beginnt, können wir da noch leugnen, daß die Harmonie, Schönheit und Dauer der Schöpfungswelt durch anders als durch die stete rege Wiederkehr des Alten erzeugt wird? Kann, soll, darf der Mensch sich den Beweisen, die ihm das Naturleben so lebendig vor Augen stellt, sein Ohr verschließen? Muß nicht eine leise Ahnung in dem denkenden frommen Herzen aufdämmern, daß die Natur selbst die Achtung und Heilighaltung des Alten predigt? Giebt es denn nebst der Geschichte der Ereignisse und Menschenthaten, eine untrüglichere Verkünderin der Wahrheit als die Natur? Und da die Natur selbst in ihrem ewigen Wechsel nur Beständigkeit und Rückkehr zu dem Alten lehrt, da die Geschichte in lebendigen Zügen nachweist, wie ein Volk nicht untergehen konnte, weil es felsenfest hielt an den göttlichen Traditionen seiner Lehrer und Weisen, — sollen kleinliche Nergeleien uns irreleiten dürfen, sollen wir die tief religiösen Anschauungen, die weise Lebensart unserer frommen Väter, die bescheidene Demut unserer Mütter, gleich einem alten abgetragenen Kleide, von uns werfen, und einem Phantome folgen» das uns zu dem schwindlichen Abgrund leitet, aus dem nur Unglaube und Verzweiflung entgegen» gähnen? Sollen wir uns abwenden von der Sonne des Lichtes, und nach dem hin und her treibenden Jrrlichte Haschen, das uns zum Sumpfe niedriger Gesinnungen, zum Verderben führt?