Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 altehrwürdige Lehre auch für uns ihren Reiz der Neuheit, ihre Jugendfrische nicht verloren hat, nie verlieren wird. Der Rückblick in die Vergangenheit des Judentums, dessen hohe Bedeutung im Weltenleben, in der Geschichte, mit so unvergänglicher Wahrheit skizziert wird, der; Rückblick auf die ergreifende Geschichte unserer Hingeschiedenen Väter erfüllen unser Herz mit einem unaussprechlichen Gefühle, in dem sich geziemende Ehrfurcht mit heiliger Scheu umschlingen. Wir sehen sie aufsteigen aus ihren unvergänglichen Gräbern — unsere Patriarchen, Aeltesten, Propheten und Gottesgelehrten, mahnend Hinweisen auf die durch jahrtausendlange Hebung heilig gewordene Lebensregeln, denen das Judentum seine Dauer, seine Macht verdankt. Wir erblicken die lange, endlose Kette vielverschlnngener Verhältnisse, durch die unsere Vorfahren furchtlos und vertrauend wanderten, wir schauen die alte treugehegte Lebensart auf diesen Wanderungen, jenen glanzvollen Leitstern, jenen untrüglichen Wegweiser, der ihnen alle Gefahren und Drangsale im Leben überwinden half, und der den bisherigen festen Bestand der Juden in der Weltgeschichte sicherte. Wir vernehmen ihre weisen Lehren, ihre tiefen Denk- und Weisheitssprüche, die unverkümmert von Herz zu Herz, von Mund zu Mund, von Lippe zu Lippe, von Vater zum Sohne, von der Mutter zur Tochter, von den Eltern zu den Kindern, Kindskindern und Urenkeln durch Jahrhunderte und Jahrtausende sich forterben und fortpflanzen. Wir denken an die Reinheit, Herzensunschuld, die innige Gottergebenheit, i mit der diese leuchtenden Vorbilder die heiligen Traditonen ehrten, schätzten, übten und schützten. Und blicken wir von da auf die ungestümen Forderungen jener Aufklärung, dessen sich unser Zeitalter oft so überschwenglich rühmt, die mit einer vernichtungsdrohenden Macht gegen alles Bestehende sich breit zu niachen sucht, dann müssen wir angesichts dieser Resultate, jene Forderungen nur als irrig bezeichnen, und deren Berechtigung in Abrede stellen. — Unleugbar ist es zwar allerdings, daß die seit Jahrtausenden aufgespeicherten Erfahrungen im Leben die zahllosen Erfindungen und Entdeckungen auf dem Gebiete des Naturlebens, die Ergebnisse einer nach Verständnis und Wahrheit durstenden Wissenschaft, die tiefsinnige Spekulation einer auf wissenschaftlichen Wahrheiten beruhenden Philosophie nicht spurlos im Menschenleben vorüberziehen, und ihren Einfluß im Kreise der Lebensgewohnheiten eines Volkes auch geltend machen- — Die Wahrheit, so weit sie ist, strebt auch hier nach Bethätigung. — Allein der wohlthuende Einfluß derselben soll und kann logisch richtig, nur innerhalb jener , Sphäre gesucht und erblickt werden, die durch sie wirklich berührt ist. Es ist eine Verirrung des denkenden Geistes, eine nicht zu verkennende menschliche Kurzsichtigkeit, wenn jede neuerkannte Wahrheit, deshalb weil sie einen bisherigen kleinen