Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1900)
- Date
- 1900-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 108 — In dieser ebenso klaren wie geschickten Auseinandersetzung, in welcher die Leidenschaft sich nicht im geringsten bemüht, sich zu verbergen, errät man irgend eine verletzte Eigenliebe, irgend einen enttäuschten Ehrgeiz, ein bedrohtes Interesse, j welches um sich zu verteidigen, vor keinem auch noch so häßlichen Manöver zurückj schreckt, der Neid und die Eifersucht zeigen sich hier in ihrer' ganzen Blöße. Es hat -ganz gewiß getaufte Juden in den Provencen gegeben. Unsere Geschichts-Schreiber des Mittelalters bezeugen es zu öfteren Malen. Im Herzen blieben sie aber immer noch Juden, Da ist z. B. Iba Verga, der uns mitteilt, daß sie noch während langer Zeit nachher, gewisse überlieferte Gebräuche beibehielten; die Frauen besonders blieben denselben sehr treu. Aber» fügt er hinzu, es sind nur unbewußte Gewohnheiten, die sie sich selbst nicht mehr erklären können. Man fragt sie, warum sie Freitag Abend Lichter anzünden, und bessere Speisen Herrichten und sie antworten: Weil es unsere Mütter auch so gemacht haben. Hat man in den so heftig angegriffenen Mitgliedern des Parlaments die Nachkommen dieser getauften Juden anzusehen? Das scheint um so leichter als der annonyme Verfasser der Vorstellung, welcher'aus den Quellen schöpfen will, sie als von Avignon abstammend erklärt, wo die Juden ungehindert und öffentlich ihrem Kultus oblagen. Der verstorbene Historiker Herr Isidor Loeb in Paris hat bereits aus ij ein Werk aufmerksam gemacht, dessen Verfasser eine große Anzahl edler Familien der Provence in der öffentlichen Meinung herabzusetzen sucht, indem er sie anklagt» Juden unter ihren Vorfahren zu haben. Befindet man sich vielleicht einer gleichen Taktik gegenüber, welche bestimmt ist, die Mitglieder des Parlaments zu treffen, ' indem man ihren jüdischen Ursprung nachzuweisen sucht? Es ist dies eine begründete ■ Vermutung, und die wir Ursache haben, mit alle dem Interesse, welches sie verdient, gründlicher zu untersuchen. Für jetzt beschränken wir uns auf ein einfaches Resume des Manuskripts. Wenn die „Vorstellung" in ihrem großen Ganzen anfechtbar ist, so verdienen doch ) gewisse Details, gesammelt zu werden, denn sie beruhen auf einer unbestreitbaren; geschichtlichen Grundlage: Als die Juden um's Jahr l 500 aus der Provence verjagt wurden, folgten einige von ihnen, welche in Avignon blieben und in ihrer Freiheit nicht gestört sein wollten, dem Rate der Synagogen von Konstantinopel und anderer levantischen Städte und bekehrten sich zum Schein zur katholischen Religion. Es war dies der einzige Ausweg um in Freiheit und Sicherheit zu leben. Namentlich drei Brüder ließen sich taufen. Der Graf von Gignon diente j dem einen als Pathe und gab ibm den alten Familien-Namen Aymar. Etienne j Chaussegres ließ den Zweiten taufen und gab ihm seinen Namen Etienne (Stephan); j Der Dritte wurde Andrau genannt, und sein Nachkommen, um besser ihren Ursprung zu verhüllen, nahmen den Namen Thomassin an. Diese neuen Christen bereicherten sich in einigen Jahren und ihr Vermögen überstieg bald die Summe von 100,000