Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1900)
- Date
- 1900-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969884--5978-2975300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
91 Derselbe glaubte, von einem Zustande sprechen zu können, „über den die zunächst hierzu Berufenen sich nicht beklagt hätten". Allerdings seien die hessischen Juden so vertrauensselig gewesen, von den Leitern der Justiz vor allein Gerechtigkeit auch ohne laute Klage zu erwarten. Aber eine Generation jüdischer Aspiranten nach der anderen habe sich der Regierung znr Uebernahme von Staatsämtern zur Verfügnng gestellt mit dem einzigen Ergebnisse, daß der Glanbenswechsel um äußerer Vortheilc willen belohnt, das Festhalten an dem ererbten Glauben bestraft wurde. Gegen eine derartige Verwirrung sittlicher Begriffe müsse Verwahrung eingelegt iverden. Diese Praxis der Regierung gebe der antisemitischen Agitation Nahrung und Rückhalt, sie bilde eine ständige Gefahr für das sittliche und vaterländische Empfinden des gesammten hessischen Volkes. Darum fordern die Juden Hessens ihr Recht, das fünfzig Jahre ungerechter Zurücksetzung nicht ansheben konnten; sie hoffen, daß die Landstände mit Entschiedenheit dafür eintreteu werden, daß die Verfassung für die Juden nicht ei» toter Bnchstabe bleibe, sondern zu lebendiger Anwendung gelange. — Die Strafkammer in Sreslau vernrtheilte den bekannten' Naturprediger und Schriftsteller Johannes Guttzeit ans Loschwitz bei Dresden wegen Beschimpfung der jüdischen Religions-Genossenschaft durch einen im dortigen Freireligiösen Verein über das alte Testament in Beziehung ans Bildung und Sittlichkeit gehaltenen Vortrag zu drei Monaten Gefängnis. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Herlin hielt Herr Professor Dr. C. H. Gornill einen Vortrag über das Buch Hiob. In feinsinniger Weise setzte der gelehrte Redner den Inhalt und die Bedeutung des Buches Hiob auseinander, jener erhabenen Theodicce, die er als eines der größten poetischen Kunstwerke der Weltlitteratur bezeichnete und in der die Gerechtigkeit der göttlichen Weltordnung für das religiöse Bewußtsein von einem hohen ethischen Standpunkt aus verteidigt wird. In den Reden des Elihu erbückk der Vortragende nach der ethischen Seite hin ein hohes Lied der Humanität, nach der poetischen Seite aber die glänzendste Partie des Werkes, das ihm als ein erhabenes Denkmal sittlich religiöser Weltanschauung erscheint, wie das Altertum kaum ein ähnliches anfzuweisen hat. — In Heidelberg wurde Herr Dr. Wnbna ans Breslau als Rabbiner gewählt. — In St. Gallen starb der Rabbiner der israelitischen Gemeinde, Herr Dr. Engelbert, im Alter von 71 Jahren Er nahm an den Synoden regen Anteil und trat in seiner Gemeinde für die Abschaffung der ziveiten Feiertage ein. Engelbert hat in früheren Jahren vielfach litterarisch sich bethätigt. Von ihm erschienen: „Das negative Verdienst des alten Testamentes um die Unsterblichkeitslehre". „Ist das Schächten der Tiere nach jüdischem RitnS wirklich Tierquälerei?", „Statistik des Judentums im Deutschen Reiche." — In Hanau starb Herr Provincialrabbiner Dr. Marcus Kares. — Am 3. Februar feierte der Nestor der deutschen Teuöre, Herr Heinrich Sontheim in Stuttgart, seinen 80. Geburtstag. Sontheim stammt aus der kleinen jüdischen Gemeinde Jebenhausen. Er wurde durch die Familie Kanlla, die sein Talent ent-