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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-04-01 · Heft 4 (1.4.1900) · p. Seite 90

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 4 (1.4.1900)
Date
1900-04-01
Page
Seite 90 (sequence 18)
Language
German
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90 Wonatsschau: Herr Major Lauff, der L^jesbadener Hofdramaturg und Verfasser der Hohenzollern-Dramen, wurde neulich interviewt. Die folgenden Aenßernngen des Interviewten bei dieser Gelegenheit dürften von umso größerer Wichtigkeit erscheinen, als er feinen diesbezüglichen Gedanken in feinen genannten Dramen beredten Ausdruck verlieh. Sie lauten: „Ich hasse alle, die das Volk im falschen Wahne erziehen, die blöden der Menge Unduldsamkeit lehren. In einem in vierfüßigen Jamben nnd in sechzehn Gesängen geschriebenen Epos „Die Geißlerin", das ich im März dem Druck übergebe, bekämpfe ich die Bolksbethörer und deren Intoleranz. Das Epos spielt zur Zeit des Flagellanten-Wahnsinns im Mittelalter, aber ich wende mich darin gegen die Ausschreitungen und die Ausbeuter des Volkswahns zu aller Zeit. 1348, zur Zeit der furchtbarsten Pestepidemie in Deutschland, ziehen die Flagellanten in Worms ein. Alsbald verdächtigt man die reiche» Juden des Ghetto, die bisher infolge eines vom Kaiser Heinrich IV. erlassenen Freibriefes die Vorrechte der Patricier genossen, als Urheber der Seuche. Vergebens verschwendet der berühmte Rabbi Beer ben Toledo seine feurige Beredsamkeit an das wahnbethörte Volk, die Befehle des gesetzesstrengen Oberbürgermeisters, der die Juden in Schutz nimmt, werden mißachtet . . ." Auf die Zwischenfrage, ob der Antisemitismus zum Siege gelange, antwortete Major Laufs: „Wie jeder Volkswahn zu allen Zeiten — für kurze Zeit. Denn es lauert das rächende Verhängnis — ich versinnbildliche es in meiner epischen Dichtung als den personisicierten Tod, der einherschreitet." Auf de» ferneren Einwurf des Interviewers, ob die Dichtung in philosemitischer Tendenz gehalten sei, erwiederte der Gesragte: Ja, Sie nahm diese Tendenz immer mehr an, während ich in den alten hebräischen Documenten, die ich mir ans Worms kommen ließ, studierte. Aus ihnen lernte ich die Sabbath-Gebräuche der spanischen Juden des Mittelalters, ivelche ich in meiner Dichtung genau schildere, aus ihnen lernte ich echte Toleranz, wahre Menschlichkeit und Nächstenliebe . . ." — Die jüdische Bevölkerung des Großherzogtums Hessen richtete an die zweite Kammer eine Petition. In derselben wird darüber Beschwerde geführt, daß die Inden Hessens der Gleichheit vor dem Gesetze und der Gleichberechtigung mit den Bekenner» anderen Glaubens entbehren. So oft jüdische Bewerber sich zur Bekleidung der Stellnnz eines Richters oder Staatsanwaltes meldeten, seien sie, auch wenn sie nach jeder Richtung hin einwandfrei waren, in ständiger Uebung unberücksichtigt gelassen worden, es erfolgte dagegen die Anstellung, sobald die Bewerber die Religion gewechselt hatten. Anläßlich in der jüngsten Zeit vorgekommener Fälle, in welchen unwiedersprocheu Bewerber von der Anstellung zurückgewiesen wurden, »veil sie Inden ipare» und bleiben wollten, hatten sich die Juden Hessens bereits zu einer Petition an die Ständekammer entschlossen, als eine Gerichtsverhandlung dem verantwortlichen Leiter des Justizministeriums Gelegenheit zu einer eidlichen Programmerklärung gab.

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