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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-04-01 · Heft 4 (1.4.1900) · p. Seite 88

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 4 (1.4.1900)
Date
1900-04-01
Page
Seite 88 (sequence 16)
Language
German
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88 bei ihrer Ansiedlnng die Ausübung von Landwirthschaft und anderer Gewerbe in Aussicht genommen hatten. Den Widersinn, unmittelbar nach ihrer Ankunft aus einem Lande der Unsicherheit in einer neu gewählten Heimath arrogant gegenüber einem ihnen fremden Volke aufgetreten zu sein, dürfe» wir ihnen nicht zumuthen, wenn wir sie nicht — im Widerspruche mit allen Erfahrungen — zu den beschränktesten Menschen der Welt stenipeln wollen. Es ist auch nicht anzunehmen» daß ihre geschäftliche Thätigkeit und ihre Gebahrungsweise in fremden Ländern schon so als unreell u. s. w. allenthalben verlästert gewesen wäre, wie heutzutage, da es damals sicherlich noch keine Presse gab, die es sich zur Aufgabe gemacht hätte, die öffentliche Meinung zu täuschen und nichts als aus der Luft gegriffene, auf Unkenntniß, Oberflächlichkeit und Bosheit gegründete Märchen zu verbreiten. Wäre ihnen aus Schwaben wirklich ein olcher Ruf vorausgegangen, so hätten sicherlich weder die Grafen von Hohenems noch die österreichische Regierung ihnen auch nur einen Tag des Aufenthaltes gestattet, da die Fürsorge für den Wohlstand ihrer Unterthanen und somit auch für das eigene Einkommen dieses umsichtigen Regenten nie erlaubt hätte, ihre Leute fremden,Aussaugern zu überantworten. Aber selbst wenn dieser Leumund ihnen nach Vorarlberg vorangeeilt gewesen wäre, so hätte das Erscheinen derselben das Unrichtige dieser Nachrede sofort ans Licht bringen müsse», denn wie wir aus der Beschwerde der Landstände ersehen, kamen — mit Ausnahme des anno 1685 aus Aulendorf eingewanderten Wolf Levi — alle übrigen Juden bettelarm im Lande an, ein Umstand, der gewiß Jedermann klarlegen mußte, daß sie sich in Schwaben, ihrer früheren Heimath, nicht zum Schaden ihrer christlichen Mitbürger bereichert hatten. Nach allem diesen glauben wir, daß die Antipathie der Landstände gegen die Jude» sich von der Zeit ab datire, in welcher dieselben früher im Lande gewesen und daß somit nicht ihre Verrufenheit in Schwaben Schuld an den Anfeindungen trug, die ihnen bei ihren« ersten Erscheinen zu Theil wurde, sondern daß die unsinnigen Märchen von Kinderschlächterei, die als Tradition sortlebten, sowie die Erinnerung an die Umstände, unter welchen ihre frühere Niederlassung zu Falle kam, die Veranlassung war, daß die Landstände gegen sie Stellung nahmen. Merkte, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, seiner Abneigung gegen die Juden Ausdruck zu geben, sagt, daß eine Klette leichter aus den Haaren zu bringen sei, als ein Jude aus seinem Sitze und schüttet einen großen Theil seines Zornvorraths über sie aus, daß sie es wagten, gegen die Ausweisungsbefehle der Erzherzogin Claudia und des Erzherzogs Ferdinand Carl Vorstellungen zu erheben und sich so lange als möglich in ihren Sitzen zu halten trachteten. Dieserhälb kann aber wahrlich Niemand, auch der weniger Begeisterte für die Jude», ihnen gewiß nicht zürnen, folgten sie doch einzig dem Triebe der Erhaltung ihres Besitzes, der doch im Geschäftsleben von den Christen allüberall vorwaltend zu gewahren ist.

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