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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-04-01 · Heft 4 (1.4.1900) · p. Seite 82

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 4 (1.4.1900)
Date
1900-04-01
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 Worte Gottes eingedenk sein sollen und uns von ihnen unterhalten, wenn wir zu Hause sitzen, wenn wir auf Reisen sind, wenn wir uns zur Ruhe begeben und wenn wir wieder aufstehen. Sie sagt uns ferner: Wenn du in der Not bist, so wende dich an den Herrn deinen Gott. Formen überläßt sie aus leicht begreiflichen Gründen unsrer Willkühr. Gehen wir weiter und ziehen den Talmud zu Rat, so öffnet sich freilich eine neue Szene, so finden wir allerdings Formeln, die uns wie geprägte Münzen gegeben werden; Dennoch aber bleibt der beseelende Geist unentstellt; dieselben Männer, die uns bis auf einen Halbvokal die Worte in den Mund legen, die wir an unfern Vater richten sollen, sagen auch: Dein Gebet sei nicht in Formen gefesselt; sondern eine andachtsvolle Herzensergießung vor dem Herrn. In Beziehung auf die Sprache, in welcher gebetet werden soll, sagen sie ohne weiteres, es sei erlaubt in jeder Sprache zu beten, die man versteht. Sie sind so wenig der Meinung, daß das Hersagen der Worte, ohne stete Begleitung der Gedanken und des Gefühls ein verdienstliches Werk sei, daß sie in gewissen Fällen wo man bei dem Menschen die zum Beten erforderliche Stimmung nicht voraussetzen kann, es ganz untersagen. Das heutzutage übliche, alle Andacht störende Schreien verwerfen sie als unanständig und stellen uns die fromme Hanna als Beispiel auf, deren Lippen sich bewegten, deren Stimme aber nicht gehört wurde. Wenn sie uns Gebetformeln empfehlen, so ist es nicht, weil sie den Worten eine geheime Kraft beilegten, sondern weil diese Gebete wirklich von vorzüglichem Werte sint>, und weil sie mit Recht nicht jeden für fähig hielten, seine Gedanken in Worte einzukleiden, weswegen sie auch in gewissen Fällen erlauben ihre Gebete abzukürzen und sich auf ihren Hauptinhalt zu beschränken. O, wie sehr wäre es zu wünschen, daß man hierin, sowie in manchen anderen Dingen bei dem stehen geblieben wäre, was sie angeordnet. Unglücklicher Weise aber fand die mystische Schule in den Gebeten einen gar zu geschmeidigen Stoff, den sie nicht unbearbeitet lassen konnte. Und mit welchem Eifer that sie es nicht? Kein Wort, kein Buchstab, kein Accent blieb unbeachtet, alles hat, wenn man jenen glaubt, eine geheime Hinweisung auf das Wesen der Geisterwelt, jeder Vokal besitzt eine geheime Kraft von unfehlbarer Wirkung für den, welcher ihn ausspricht und bildet einen Ring in der großen Kette, welche die Körperwelt mit dem Übersinnlichen verbindet und eine einzige abgeänderte Silbe ist nach ihnen hinreichend, um diese Kette zu zerreißen und das Gebet wirkungslos zu machen. Wenn sie ja wollen, daß man beim Beten auch denke, so verstehn sie nicht darunter den buchstäblichen Sinn der Worte, dieser bleibt als gemein dem gemeinen Mann überlassen. Für die eingeweihten Adepten giebt es ganz andre Gedanken, welche mit dem buchstäblichen Sinne der Worte nichts zu thun haben, sondern mit ihrer orthographischen Bildung und selbst mit der Gestalt der Buchstaben. Die talmudischen Gebete halten sie zwar für gut, da sie sich aber nicht allenthalben in ihre Theorien fügen, so erlauben sie sich nicht selten Veränderungen und Einschaltungen, obgleich sie uns ein solches Unternehmen

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