Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1900)
- Date
- 1900-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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81 den Worten nachzueilen. Wir thun es und fühlen, daß wir nicht recht thun und wünschen es besser zn thun und dennoch thun wir es; ja, was noch trauriger ist, wir werden es noch lange, lange thun — so ist die Aussicht nach allen Zeichen'des Tages zn urteilen. Dies ist so wahrscheinlich, daß vielleicht mancher Mir zurufen möchte: Warum berührest Du eine Saite, deren leichteste Schwingung das ganze Nervensystem unsres Ritualwesens angreift, da Du doch nicht vernünftiger Weife hoffen kannst mit Deiner Stimme durchzudringen! Dies mag wahr sein; darf aber deswegen das, was die strengste Rüge verdient, durch Stillschweigen verschleiert werden? Wohl dem, dessen Beruf es nicht ist, was er über menschliche Pflichten gelesen und gedacht Andere zn lehren, der kann den Rat des Propheten Jeremias befolgen, sich in die Einsamkeit zurückziehen und schweigen, wenn seine Brust gepreßt ist; wer aber in der Lage ist, vor dem versammelten Volke über die Angelegenheiten seines Seelenheiles sprechen zu müssen, der darf nicht schweigen, wo er einen Mangel sieht, ohne seine heiligste Pflicht zu verletzen, der kann - nicht schweigen, wenn nur ein Fünkchen Liebe für seine Religion und seine Glaubensbrüder in seinem Herzen glimmt. Was nützt außerdem das Schweigen, wenn eine Sache schon so oft durch andere Organe besprochen worden ist? Wir wissen alle, welche Versuche schon viele israelitische Gemeinden inner- und außerhalb unsers deutschen Vaterlandes gemacht haben, um den öffentichen Gottesdienst zu verbessern, wir wissen alle, welchen Weg sie betraten, welche Resultate sie erzielten und durch welche Hindernisse diese Resultate so gering waren. Gewiß sind Fehlgriffe genug geschehen; doch wolle» wir uns ja hüten zu richten, damit wir nicht wiederum gerichtet werden; ivenn jene gefehlt haben, so haben sie gefehlt mit uneigennützigem Aufwande aller geistigen und psychischen Kräfte. Wir hingegen haben uns nur der leichten Mühe unterzogen zu tadeln, ohne ernst zu prüfen, ob es nicht möglich sei, es besser zn machen. Und doch ist die Frage an sich so einfach und in so bestimmten Worten ausgesprochen, daß es gar nicht so schwer sein sollte, sie befriedigend zu lösen. Der Zweck aller öffentlichen Gottesverehrung kann kein anderer sein, als die Befriedigung jenes rein geistigen Bedürfnisses, welches die Menschen unter jedem Himmelstriche fühlen und in jedem Zeitalter gefühlt haben ihr Sehnen nach der Unsichtbaren Welt und dem . erhabenen Westen, das in ihr thronet, in Worte zu kleiden und zwar nicht zwischen den stillen Mauern des einsamen Gemaches, sondern unter der Scha'ar einer frommen Gemeinde, wo zarte Begeistrung in herrlichen Melodien von Herz zu Herzen wallet, >vo heiliger Schauer in alle Gemüter dringt und die ergreifende Stimme eines würdigen Lehrers Worte des Trostes, des Glaubens und der Liebe erschallen läßt. Welche Einrichtungen getroffen werden müssen, um diesen Zweck zu gewinnen, sagt uns die Vernunft ohne schweres Nachdenken. Doch billig soll sie hier nicht allein entscheide», wenn es ehrwürdige Formen giebt, die nicht verletzt werden dürfe». Wir öffnen also unsre heiligen Bücher und suchen, was sie uns hierüber sagen. Was sagt uns die heilige Urkunde? Nichts weiter als daß wir stets der