Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1900)
- Date
- 1900-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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■7 .v -p: Gebet der gottesbedürftigen Seele des Menschen ist, so ruft man mit der heiligen Schrift aus: Leben und Tod liegt in der Zunge! Die religiöse Gesetzgebung der alten Israeliten enthielt vieles, das zum Zweck hatte, den Menschen vor dem Mißbrauch der Zunge zu schützen und ihrem Charakter treu liefert sie auch eine versinnlichende Darstellung von menschlichen Verirrungen, die darauf Bezug haben. Wir, finden dieselben in dem dieswöchentlichen Abschnitte, einem der merkwürdigsten in seiner Art. Es ist darin fast einzig die Rede von einer Hautkrankheit, die vormals im Osten herrschte. Wer von ihr befallen war, durfte nicht zu ärztlichen Mitteln Zuflucht nehmen; sondern er mußte sich einer Besichtigung des Priesters unterwerfen, der ihn dann nach Beschaffenheit der Kennzeichen, entweder gleich frei sprach, oder auf sieben Tage einsperrte, oder auch ihn aus der Gemeinschaft mit anderen Menschen verwies. Es wird dadurch deutlich gesagt, daß diese Krankheit nicht von der Organisation des menschlichen Körpers herrührte, sondern als eine besondere Sendung der göttlichen Vorsehung zu betrachten sei: Forscht man nun weiter in der heiligen Geschichte, so findet sich, daß fast alle, welche sie als Strafe erhielten, die Sünde begangen, daß sie heilige Mittel zu »«heiligen Zwecken anwendeten, wofür denn auch die Fäulnis der zur Nahrung und Entwicklung des Leibes bestimmten Säfte eine natürliche Züchtigung war. Aaron selbst und seine Schwester wurden dadurch, obwohl ans kurze Zeit erinnert, daß sie unvorsichtig im Reden gewesen waren. Wir wollen uns daher bei dieser Gelegenheit auch zum festen Vorsatze machen, unsere Sprachwerkzenge als ein Heiligtum nur zu guten Zwecken zu benutzen, nie ihre eigentliche Bestimmung, Mitteilung unserer Gedanken zu sein, vergessen unv unsere Sprache von allem, was sie verunreinigt frei zu erhalten. Lang ist das Register der Sünden, welche wir mit unserem Munde begehen können; es erschöpfend zu erörtern würde kaum in einem ganzen Tage möglich sein; darum wollen wir in unsrer heutigen Bersammlungsstunde nur einen einzigen Punkt in Betrachtung ziehen, der hieher gehört, und darum herausgehoben zu weiden verdient, weil er einen Fehler betrifft, der sich in unser Religionswesen eingeschtichen hat. Es muß zugestanden werden, wir sündigen alle mit der Zunge in unserer öffentlichen Gottesverehrung, wir begehen alle den Fehler, gegen den der Prophet sich erhebt, indem er spricht: Die Frömmigkeit dieses Volkes war eine Handtierung abgerichteter Menschen; denn wer von uns kann sagen, daß er im wahren Sinne Gott mit Mund und Herz verehrt? Wer, um mit trocknen Worten zu reden, kann sagen, daß er im wahren Sinne betet? Denn das sinnlose Hersagen auswendiggelernter Formeln wird man doch wohl nicht im Ernste Beten nennen wollen! mit demselben Rechte könnte man sagen, daß der studiert, der ein wissenhaftliches Buch in einer ihm fremden Sprache liest. Wir beten nicht, wir gebe» unserer Zunge den Impuls durch die Artikulation einiger Wörter und gleich einer aufgezogen Uhr wälzt sie über unsre Lippen einen unaufhaltsamen Wortschwall, der durch die Behendigkeit seines Laufes selbst dem Sprachgeübten, selbst dem innerlich Frommen nicht Zeit läßt, uin mit den Gedanken