Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1900)
- Date
- 1900-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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leitete. Davon überzengt uns nicht blos die Betrachtung der unendlichen Güte dessen, der dem Menschen seine innere und seine äußere Einrichtung gegeben, sondern auch das Bewußtsein, das jeder, selbst der Verruchteste in sich trägt, nie Böses A gethan zu haben, einzig und allein, weil es böse ist. Schriftstellen können wider diese Wahrheit nichts beweisen; denn das geschriebene Wort ist immer verschiedener, ja sogar entgegengesetzter Deutungen fähig; Gefühle hingegen, die wir in unserer .; Seele wahrnehmen, sind ebenso gewiß, als unser Dasein selbst. Jedem Laster entspricht eine ihm entgegengesetzte Vollkommenheit, und Laster und Vollkommenheit j stammen immer aus einer und derselben Naturanlage, die uns zu de» Engeln erhebt, J oder zu den Tieren herabwürdigt, je nachdem sie von unserem freien Willen gelenkt ■ wird. Diese Wahrheit bestätigt sich am sichtbarsten bei der Gabe, welche zugleich der Seele und dem Körper gehört, die Entwicklung und Ausbildung aller übrigen befördert und möglich macht, und dem Menschen eigentümlich ist, ich meine die Sprachfähigkeit. Seit der Entstehung des Menschengeschlechts war sie es, welche Kultur > und Sitten bei jugendlichen Völkern von Stufe zu Stufe erhob und bei denen, welche den Keiin der Entartung in sich aufnahinen, wieder nach denselben Stufen i bis zur tiefsten Entwürdigung herabführte. Sie war von jeher die Beförderin 1 alles Guten und alles Bösen, ihrer bedienten sich Weltweise und Redner, um das S lenksame Volk mit edler Begeiftruirg für Religion, Sittlichkeit, Vaterland und Freiheit zu beseelen, ihrer bedienten sich auch ehrgeizige Volksführer, um alle edle Gesinnungen zu nntergraben und die Lenksamkeit des blinden Haufens zu ihren selbstischen Absichten zu mißbrauchen; ihrer bedienten sich die . gefeierten Sänger der Vorwelt nnd der neueren Zeit, um herrliche Thaten zu verewigen, ihrer bedient sich auch der Pest hauchende Verleumder, um die harmlose Unschuld zu zertreten und die Tugend selbst verdächtig zu machen; ihrer bedient sich der fromme Gottesverehrer, wenn er die Größe seines Schöpfers anstaunend von Bewunderung und heiliger Ehrfurcht ergriffen wird, oder wenn er die Vor- ■ kommnisse seines Lebens und seiner Umgebung überdenkend darin einen Fingerzeig der allwaltenden göttlichen Vorsehung erkennt, oder wenn er von Kummer niedergebeugt das thränende Auge gen Himmel erhebt und aus dem Anblicke des Weltalls Trost schöpfet. Der Sprache bedient er sich dann, tim dem gepreßten Herzen, der Fülle der sich in seinem Gemüte andrängenden Empfindungen Raum zu mache»; derselben Sprache bedient sich aber auch der heuchelnder Frömmler, wenn er es für nützlich hält die Welt durch das Gepränge erkünstelter Frömmigkeit zu täuschen; derselben Sprache dedienen sich so viele sinnlose Betmaschinen, die da glauben, Gott finde Wohlgefallen, wenn sie ihre Sprachorgane in Bewegung setzen, ohne daß das Herz ivisse, >vas der Mund spricht, die bis auf eine Zeile anzugeben wissen, wie groß ihre Frömmigkeit tagtäglich ist; denn Blätter und Kapitel sind bei ihnen der Maßstab aller Religiösität. Wahrlich, erwägt man diese letzteren Irrungen und bedenkt dabei, ivie nötig, wie heilsam, wie wohlthätig ein wahrhaft andächtiges