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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-04-01 · Heft 4 (1.4.1900) · p. Seite 77

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 4 (1.4.1900)
Date
1900-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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— 77 — der bürgerlichen Gleichstellung ihre Lage nicht im mindesten sicherer gestaltet, hat. In der That, es ist wie ein Schleier von den Augen vieler Juden gefallen, und mit erschreckender Deutlichkeit leuchtet ihnen die Thatsache entgegen, daß die von ihnen laut gepriesene Humanität und Cultur, das ,heiß ersehnte und endlich erlangte Staatsbürgertum, aller bis in den Himmel erhobener Fortschritt und alle religiöse Aufklärung in der inneren Stellung der Völker zu den Juden eigentlich nichts wesentliches geändert haben, sondern daß diese ihnen Fremde geblieben sind, ja vielfach von ihnen als gefährliche Feinde betrachtet werden. Da ließ der jüdische Advokat und Sittetat Dr. Th. Herzl in Wien 1896 eine Schrift „Der Judenstaat" erscheinen, in welcher er den Seinigen zurief, daß ihnen angesichts der Erfahrungen des Jahrhunderts nichts anderes übrig bleibe, als eine Selbständigkeit zu erstreben, welche sie nicht mehr fremde Glieder an einem fremden Körper bleibe» lasse, sondern in den Stand setze, im alten Lande Kanaan als ein Gemeinwesen eigenen Bestandes ein in sich selbst harmonisches und im Frieden mit den anderen Völkern verlaufendes Leben zu führen. Dieser Ruf fand ein lautes Echo in der ganzen Jndenschaft auf Erden und wirkte auf viele Tausende wie eine Erlösung. Herzl hatte den Mut gehabt, alle phrasenhaften Tröstungen aufzugeben und der Wirklichkeit mit »»bestochenem Blicke ins Angesicht zu schauen. Er bot aber auch etwas Positives, das vielen seiner Stammesgenossen und sogar nicht ganz wenigen Christen wohl geeignet erschien, die auf den Inden und den Völkern gleich schwer lastende Jndenfrage friedlich und endgiltig zu lösen. Kein Wunder, daß seine Aufforderung, die Verwirklichung seines Planes auf jüdischen Kongressen zu beraten und aufzunehmen, vielfach begeisterte Aufnahme fand. Es ist denn in der That auch zu solchem Kongresse gekommen; er hat bereits dreimal in Basel getagt, von der Aufmerksamkeit aller Kulturvölker begleitet. Unter den Juden selbst ist der Kongreß vielfach mit dem größten Enthusiasmus begrüßt worden. Aber er hat doch auch scharfen Widerspruch bei ihnen erfahren; ja die Majorität der Juden, wenigstens der nicht in Rußland lebenden, ist noch entschieden gegen den Zionismus, wie die neue Bewegung mit einem nicht unzutreffenden Namen genannt wird. Die Gegenwart bietet den Juden doch zu viel, und was sie unter den Völkern erlangt haben, erscheint ihrer größeren Zahl noch als ein zu wertvoller Besitz, als daß sie denselben mit der Aussicht auf eine höchst ungewisse Zukunft vertauschen möchten. Ihre Majorität will daher noch weiter unter den Völkern wohnen und als deren Glieder ihr Leben führen, wenn sie auch eine Ansiedlung bedrückter Juden in eignen Kolonien in Palästina als etwas Nützliches ansehen und derartige Unternehmungen zu unterstützen bereit sind. Nicht wenigen in dieser Majorität drängt sich freilich die Erkenntnis auf, daß sie wohl nach und nach mit ihrer Umgebung sich ganz würden verschmelzen müssen; aber das hat für sie weniger Abschreckendes als der Gedanke a» einen eigenen

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