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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-04-01 · Heft 4 (1.4.1900) · p. Seite 76

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 4 (1.4.1900)
Date
1900-04-01
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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-~r~ --rf4 „» , / - 76 — wecken, eine recht ansehnliche Litteratur ins. Leben; dort schuf man Verbindungen, welche die Glieder des Stammes enger aneinander schließen sollten, wie die Jsraelilische Allianz u. a.; man verband sich mit den politisch und religiös Freigesinnten unter den Christen und wußte in einer fast unglaublichen Weise durch die Tagespresse und überhaupt durch die Litteratur die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Und indem man durch das alles zu jener bestimmenden Stellung im allgemeinen Leben gelangte, von welcher vorhin die Rede war, achtete man kaum auf die dunklen Wolken, die an dem heiteren Himmel heraufzogen. Da brach plötzlich die antisemitische Bewegung in Deutschland an. Anfangs vermeinten die Juden ihrer leicht Herr zu werden und hatten für sie nur Spott und Hohn. Aber sie erreichten damit, ihren Zweck nicht. So riefen sie denn die ihnen nahestehenden Parteien unter den Christen zu Hilfe; aber auch so vermochten sie nicht die stets höher steigende Bewegung zu dämpfen. Vielmehr ergriff diese in wenigen Jahren ein Land nach dem andern. Sie ist nicht einmal Nord-Amerika ferngeblieben und hat zuletzt auch das Frankreich ergriffen, das unter dem Jubel der Juden die allgemeinen Menschenrechte verkündigte. Ja in diesem Lande tobt sie gegenwärtig am leidenschaftlichsten. Denn der Antisemitismus hat es verstanden, das französische Volk an seiner empfindlichsten Stelle, in seinem Patriotismus und nationalen Stolze, zu treffen. Er hatte den jüdischen Kapitän im französischen Heere Dreyfus vor der Nation als Baterlandsverräter ausgegeben und dadurch erreicht, daß derselbe zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt wurde. Aber diese Verurteilung empfanden nun die Juden überall in der Welt als ein ihrem ganzen Stamme angethanes Unrecht; ihre Solidarität in allen Erdteilen trat alsbald in außerordentlicher Schärfe hervor, und durch den ungeheuren Einfluß, ben/ffe allenthalben auf die Presse ausüben, wußten sie die Sache des einen Mannes zu einer allgenreinen Menschheitsangelegenheit zu machen, so daß der Druck der öffentlichen Meinung für die Franzosen schließlich zu stark und das Urteil einer Revision unterzogen wurde: zwar sprach nmn den Verurteilten aus Rücksicht auf die Stimmung im eigenen Lande nicht frei, aber man begnadigte ihn. Allerdings haben die Inden hier einey außerordentlichen Sieg über den Antisemitismus davongetragen; aber der Ausgang des Prozesses hat für sie doch auch eine recht ernste Seite. Die klarer Blickende» unter ihnen erkennen deutlich, daß man dem Antisemitismus nicht offen entgegenzutreten wagte, sondern ihn als eine Macht empfindet, mit der einen Kampf aufzunehmen aussichtslos wäre. Der Antisemitismus fühlt sich denn auch durch den Ausgang dieses Prozesses durchaus nicht überwunden oder auch nur entmutigt. Zwar der politische Parteiantiseinitismus hat durch sein wüstes und teilweise geradezu antichristliches Auftreten die öffentliche Sympathie immer inehr eingebüßt; aber die innere Abneigung gegen die Juden hat sich allenthalben nur verstärkt. Diese Thatsache drängt sich denn auch mit immer größerer Schärfe stets wachsenden Scharen der Juden auf und hat viele zu der Überzeugung gebracht, daß auch die Verleihung

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