Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1900)
- Date
- 1900-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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66 und Sentenzen, die voll Lobes und Anerkennung sind für die körperliche Arbeit. „Liebe die Arbeit!" war ein Wahlspruch Semajah's, eines Lehrers Hillel's. „Groß ist die Arbeit, denn sie ehrt ihren Meister!" lehrte ein anderer Gesetzeslehrer. Der Talmud macht dem Vater zur Pflicht, seinen Sohn ein Handwerk lernen zu lassen, und empfiehlt als Schutzmittel gegen die Sünde Oie Verbindung des Gesetzstudiums mit einem Handwerk, der Wissenschaft mit einem Gewerbe. Die Handwerker erfreuten sich im Altertum einer hohen Achtung; auch bildeten sie nicht die Hefe des Volkes, vielmehr gehörten zu ihnen die Geistesheroen, die bedeutendsten Gesetzeslehrer. Mehr als hundert Rabbiner, die an dem großen talmudischen Werk mit* gearbeitet haben, übten ein Handwerk aus. So war z. B. Hillel, der Begründer einer berühmt gewordenen Schule, von dem auch die ethische Lehre stammt.- „Was du nicht willst, daß man dir thue, das thue auch deinem Nächsten nicht!" ein Holzhacker. Im Gegensatz zu Griechenland, wo man über die Arbeit sehr abfällig urteilte und die Arbeiter zu öffentlichen Staatsämtern nicht zuließ, ehrte das alte Judentum die körperliche Arbeit und ihre Träger. Einem gewissen Pineas überbrachte man die Nachricht von seiner Wahl zum Hohenpriester, als er "mit Steinmetzen beschäftigt war. In der talmudischen Gelehrtenrepublik gab es Baumeister, Feldmesser, Parfümeure, Schuster, Schneider. Bäcker, Zimmerleute, Walker, Ofensetzer, Sandalenmacher, Lederarbeiter, Schmiede, Töpfer, Sticker, Nadler und Spängler, und Saulus von Tarsus, später der Apostel Paulus, war Zeltmacher. Aber nicht bloß in Palästina begegnen wir jüdischen Handwerkern. In Egypten waren sie in Zünfte eingeteilt, und in der weltberühmten und prächtigen Synagoge zu Alexandrien hatten die einzelnen Innungen ihre besonderen Plätze und Sitze. Daß auch in späterer Zeit die Juden das Handwerk geliebt haben, beweisen die jüdisch-deutschen Sprichwörter, wie „Melöcho is brocho”, d. h. „Arbeit ist Segen", oder „Arbeit ist kaan oharpe”, d. h. keine Schande. Daß der große Denker Spinoza sich vom Diamantschleifen ernährte, ist bekannt. Erst die lieblosen Gesetze finsterer Zeiten haben aus den Juden in manchen Ländern ein Handelsvolk gemacht. Wo aber den Juden Landbau und Handwerk zu treiben nicht verboten war, finden wir noch jetzt jüdische Handwerker in großer Zahl, so in Rußland, Rumänien, Galizien Arabien, Türkei und Marokko. Aber auch in Deutschland sind seit der Judenemanzipation viele jüdische Vereine eifrig bemüht, ihre Glaubensgenossen zu Handwerk und Ackerbau zurückzuführen. Die israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover bildet seit mehreren Jahren Zöglinge für den Garten- und Landbau aus. Der badische Oberrat der Israeliten hat bereits beschlossen, eine ähnliche Schule im Badischen ins Leben zu rufen. Nachdem der Redner noch einiges über die rechtliche Stellung der Arbeiter im jüdischen Altertume hervorgehoben, schloß er seinen anregenden Vortrag mit einem warmen Apell an die Versammlung, die seit dein Jahre 1819 bestende, israelitische Kunst- und Gewerbe- Schule in Straßburg nach Kräften zu unterstützen. — Ein Offizier der Deutschen