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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-03-01 · Heft 3 (1.3.1900) · p. Seite 58

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 3 (1.3.1900)
Date
1900-03-01
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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- handbreit öffnete, warf er einen alten Pantoffel hinein, der schönen Frau Zuckerspitz, die in ihrer mit Zobel ausgefchlagenen und gefütterten Kazabaika im Fenster lag, denn sie wollte gesehen werden, überreichte er einen großen vergoldeten Husaren aus Lebkuchen und machte sie erröten und schnell verschwinden. Der etwas allzu schlanken Töchter Grünewald schwor er, daß er einen sehr passenden Bräutigam für sie gefunden habe und gab ihr einen Häring. Bei Jonathan Schmeikes, dem Kaufmann, wo ein halbes Dutzend junger Mädchen versammelt war, ließ er eine Maus in das Zimmer und ergötzte sich an der wilden Jagd, die nun folgte, an dem Zetergeschrei, mit dem Alles, was lange Röcke trug, auf Stühle und Tische sprang, bis der kleine Störenfried glücklich in ein Mauerloch geschlüpft war- Auf diese Weise kam Laktef Wilna auch zu einem ganz kleinen Hause in der langen Gasse, dessen Mauern sich wie die Blätter eines Kartenhauses nach innen neigten, und..in dem, hinter mit Papier zusammengeklebten zerbrochenen Scheiben und morschen Thüren, in zwei Stockwerken und zwölf Zimmern bei dreißig dürftige jüdische Familien wohnten. Er blickte durch ein Fenster dessen Scheibe ein großes Loch hatte, das nicht mehr durch bunte Papierstreifen unschädlich gemacht werden konnte und daher mit verschiedenen alten Strümpfen verstopft war, und sah in einem Stübchen, nicht größer als ein Hühnerstall, ein Mädchen in einem schlechten, geflickten Kattunkleidchen sitzen und bitterlich weinen. Das verdarb Laktef Wilna den ganzen Suschan-Purim, denn er hatte das beste Herz und konnte vor Allem keine Thränen sehen. Er verhielt sich also vollkommen stille, legte seine Riesennase an die Scheibe und horchte. In dem Stübchen brannte in einem ausgehöhlten Erdapfel ein Stümpfchen Talglicht, und saß in einem alten Lehnstuhl, dem ein Bein fehlte, ei» Mann in einem zerissenen Kaftan, die „Jarmurka" (kleines schwarzes Käppchen) auf dem ergrauten Kopfe, die Hände gefaltet, und starrte in das Leere. Es was der Flickschneider Tobia Fischthran und das Mädchen seine Tochter Esther. Laktef Wilna kannte sie jetzt. „Weine nicht," sprach Tobia milde, „vom Weinen verliert man das Augenlicht. Was soll werden, wenn auch Du. nicht mehr kannst arbeiten, Esterka!" „Was hilft es zu arbeiten, Tate," erwiderte das Mädchen seufzend, „wenn man verlassen ist von Gott?" „Kein Mensch ist von Gott verlassen," versetzte Tobia, „keiner, nur geprüft wird man von Gott, nicht verlassen." „Wir werden aber mehr geprüft als alle Anderen zusammen," gab Esther zur Antwort, „und doch haben wir nicht mehr gesündigt als sie. Bin ich nicht fleißig'von Anbruch des Tages bis tief in die Nacht hinein, 2ate, und kann nicht einmal meinem blinden Bater das Stübchen Heizen und Kuchen backen, die doch der Aermste hat zum Schuschan-Purim."

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