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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-03-01 · Heft 3 (1.3.1900) · p. Seite 55

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 3 (1.3.1900)
Date
1900-03-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 nämlich eilt Mann von einseitiger, aber hochentwickelter Verstandesbildung. Solche Männer findet man unter den Juden, — man denke nur an zahlreiche bedeutende, jüdische Gelehrte — ebenso häufig, wie Menschen von der Feinheit und Zartheit des Empfindungssebens Börnes. Zwei einander frenide Naturen waren da zusammen gekommen und wären möglicher Weise zusammen gestoßen, wenn nicht in Folge der ausgedehnten Thätigkeit des Markus Herz, die es ihm nicht ermöglichte, sich allzuviel um den Heranwachsenden Börne zu kümmern, ihr Verkehr sehr beschränkt gewesen wäre. So war Börne in dem Hause eines geistig hochbedeutenden Mannes, eines Mannes, der als Arzt und Philosoph ebenso bekannt, wie allgemein anerkannt und geachtet war, ohne von diesem Manne selbst allzusehr beeinflußt zu werden und allzuviel zu lernen. — Umso größer war dagegen, die Einwirkung, die die herrliche Gattin dieses Mannes: Henriette Herz auf ihn ausübte, eine Einwirkung, die für sein ganzes Leben von höchster Bedeutung war, zunächst aber schweres und tiefes Herzeleid über ihn brachte. Denn kaum war Börne in's Herz'sche Haus gekommen, als er, der damals noch ganz im Werden begriffene, siebzehnjährige junge Mann mit der ganzen Kraft und Glut seines sensiblen Gemütes in Liebesleidenschast für die schöne Henriette entbrannte. — In der That kann man den überwältigenden Eindruck recht wohl begreifen, den Henriette auf einen so fein empfindenden Jüngling, dem die Frauen bisher ein Buch mit sieben Siegeln gewesen, ausübte. Denn sie war ein seltenes Weib. „Ihre Gestalt und ihr Kopf", führt Klaar aus, „erinnerten an die hoheitsvolle Schönheit hellenischer Bildwerke, ihr anregender und fein empfindender Geist zog die Dichter und Denker von Berlin an; siebzehn Jahre jünger als ihr Mann, dessen starker Geist in einem unansehnlichen Körper, wirkte, war sie Gegensatz und Ergänzung des Gatten; die durchgeistigte, sanfte Weiblichkeit neben dem scharfen Denkertypus." — Also Schönheit und geistige Bedeutung vereinigten sich in seltenem Maße in diesem Weibe. Und mit diesem Weibe war Börne tagtäglich zusammen, er lernte sie in ihren intimen Lebensgewohnheiten kennen, — er war ihr Schüler und erhielt von ihr tausend Beweise einer mütterlichen Freundlichkeit, — aber auch nicht mehr als dies. Diese unerwiderte Liebesglnt brachte den leidenschaftlichen jungen Börne völlig zur Raserei, — und unfähig, sich noch länger zu beherrschen, gestand er ihr eines Tages stammelnd, was in ihm vorging. Es war keine leichte Lage, in die Börne die Frau versetzt hatte, die Freundschaft und mütterliches Wohlwollen für ihn besaß, ohne natürlich seine erotische Neigung im allermindesten zu erwidern. Allein sie zog sich aus dieser Lage, mit deni ganzen, überaus feinen Takt, der sie stets ausgezeichnet hatte. Sie wies seine Liebeserklärung auf das allerentschiedenste ab, raubte ihm für alle Zeiten jedwede Hoffnung, verdoppelte jedoch ihre mütterliche Fürsorge und Zärtlichkeit für ihn und that ihr Möglichstes, ihn von seiner verzehrenden Leidenschaft zu heilen.

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