Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1900)
- Date
- 1900-02-01
- Page
- Seite 44 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 — Mann, seine Frau eine geistig sehr angeregte, lebhafte Dame. Oppenheim und ich waren stets willkommene Gäste und genossen den Vorteil eines in dem wüsten Flüchtlingstreiben doppelt wohlthuenden häuslichen Verkehrs. Valentin war eine der Leuchte» der neuen physiologischen Schule, und da er als Jude damals in seiner Heimat Preußen (er war Schlesier) keine Professur bekommen konnte, war er einem Rufe nach der Schweiz gefolgt. Er hatte sich eine äußerst pietätvolle Anhänglichkeit anS Judentum bewahrt. Sie gab einmal Anlaß zu einem komischen Quid pro quo. Auf gegenseitigen Wunsch hatten wir Löwe-Kalbe, der ja Mediciner war, zu Valentin gebracht und einen geselligen Abend mit ihm da verlebt. Valentin hatte sich vorzugsweise mit Löive unterhalten. Anderen Tages fragte ich ihn, worüber er so eifrig mit seinem Gast gesprochen; über jüdische Dinge war die Antwort. Valentin hatte Löwe für einen Juden gehalten, und dieser hatte ihn nicht enttäuscht. Löwe's äußere Erscheinung konnte allerdings dazu verführen; sei.ne Physiognomie, seine Gestalt, endlich sein Name legten die Vermutung nahe. Als ich Löwe nachträglich damit neckte und sein verdächtiges Äußere, namentlich auch seine lispelnde Aussprache und seinen etwas vorragenden Unterleib zu Valentin's Entschuldigung anführte, stellte Löwe. zur Widerlegung eine eigene Theorie über die Bauchformationen aus. Er meinte, der semitische Bauch unterscheide sich vom arischen dadurch, daß dieser rund, jener spitz abgedacht sei, der seinige aber der ersten Formation zuneige. Ich überliefere die Theorie den Racenschnüfflern zur weiteren Untersuchung." — In Berlin starb Herr Komerzienrat Julius Isaak unser geschätzter Mitarbeiter, der sich um die Gründung der jüdischen Littaraturvereine in Deutschland große Verdienste erworben hat, die ihm ein ehrendes Andenken in der Geschichte der Juden in Deutschland für alle Zeiten sicheren. — Das Krankenhaus der Berliner jüdischen Gemeinde hat, dem Beispiel'anderer Berliner Krankenhäuser folgend, die Kur-Verpflegungskostensätze vom 1. Januar 1900 ab für in Berlin ansässige Patienten von 2 Mk. auf 2.50 Mk., für auswärtige Patienten von 2 50 Mark auf 3 Mark erhöht. — In der jüngst im Saale der Wiener Gesellschaft der Aerzte stattgehabte» Festversammlung des Wiener Medizinischen Doktoren-Kollegiums aus Anlaß des füufhundertjährigen Bestandes der „Ada facultatis medicae Universitatis Vindobonensis“ sagte Dr. Svetline der Bicepräsident des Kollegientages, in seiner Festrede unter anderem: „Mit der Zunahme der Gesittung und des Bewußtseins der Menschenwürde erwacht das Mitgefühl. Was früher Zwang gewesen, erfolgt als weiterer Schritt der Veredelung des Menschen frei und selbstverständlich: als Mitleid mit dem Nächsten und als werkthätige Menschenliebe. Diesen Weg ging auch unser Kollegium; unbewußt beschreiben unsere „Ada“ diese Entwickelung innerhalb einer engbegrenzten Korporation und eines engen Zeitraumes. In den Korporationen streift sich das Persönliche, das Triebarüge im Menschen rascher und früher ab, als iu den Thaten des Einzelindividuums; daher sehen wir auch auf dem Wege zur ethischen Entwickelung der