Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1900)
- Date
- 1900-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969882--5923-2975243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 bungen der nur durch eine kleine Zahl vertretenen Orthodoxie ein Gegengewicht entgegenzusetzen, vielmehr stets ans durchaus unbegründeter, wenn auch wohlwollender Rücksichtnahme den wenigen Orthodoxen i» allen Dingen blindlings gefolgt ist. Es kann mit Rücksicht auf die mit dem Liberalismus begrifflich verbundene Toleranz nicht Aufgabe des Vereins sein, die Orthodoxen zu verdrängen; wohl aber muß er bei den in Köln obwaltenden Verhältnissen bestrebt sein, dem Lieberalismus die Gleichberechtigung zu erkämpfen, und dies um so mehr, als die gegenwärtig vorhandenen Institutionen innerhalb der Gemeinde beiden Richtungen Raum gewähren. Es hätte die Entwickelung der Dinge in Köln zu diesem Ergebnisse nicht führen können, wenn die Anschauungen über die Gemeindeverwaltung mit den veränderten Zeitströmungen und dem Wachsen der Gemeinde Schritt gehalten hätte. Diese letztere hat sich aus kleinen Anfängen in den letzten Jahrzehnten zu einem der größten jüdischen Gemeinwesen Deutschlands entwickelt, und wenn in früheren Zeiten eine patriarchalische Art der Verwaltung den kleinen Verhältnissen entsprochen haben mag, so verlangt die Gegenwart um so dringender eine stärkere Betonung des demokratischen Zuges. Die Gemeindeverwaltung muß danach streben, mit der großen Masse der Gemeindemitglieder stets in engster Fühlung zu bleiben und letztere dürfen sich ihren Einfluß auf die Gestaltung der Verhältnisse nicht entziehen lassen. Wie ganz anders der Geist geartet ist, der gegenwärtig unsere repräsentativen Körperschaften erfüllt, das zeigt die Thatsache, daß das Repräsentantenkollegium über eine auf die Einführung einer Orgel in der neuen Synagoge gerichtete Eingabe von mehr als 1300 steuerzahlenden Gemeindemitgliedern einfach „zur Tagesordnung übergegangen" ist uno diesen Beschluß den Petenten in einem nicht einmal von dem Vorsitzenden des Kollegiums, sondern von dem Gemeindesekretär unterschriebenen Briefe zur Kenntnis gebracht hat, obgleich doch nur ungefähr 2500 steuerzahlende Gemeindemitglieder in Köln vorhanden sind und von diesen nur ungefähr 1600 zur Frage der Einführung einer Orgel sich geäußert hatten, das Repräsentantenkollegium also ohne Frage bei dem Stimmverhältnis von 1300 zu 300 jene Eingabe als eine imposante Kundgebung des Gemeindewillens erkennen mußte; das zeigt ferner die Thatsache, daß in einer Gemeinde mit solch überwiegender liberaler Auffassung und Lebensführung bei der Wahl eines zweiten Rabbiners lediglich die orthodoxeste Richtung zur Geltung gelangt ist. Um solche Vorkommnisse für die Folge zu vermeiden, wird es vor allem erforderlich sein, die Verhandlungen des Repräsentantenkollegiums der breitesten Öffentlichkeit zu unterwerfen. Was also der Verein erstrebt, das ist eine Entwickelung, welche dem liberalen Elemente auf religiösem Gebiete und dem Willen der Majorität der Gemeindemitglieder auf dem Gebiete der Verwaltung einen kräftigen Einfluß sichert. Möge jedes liberal denkende Gemeindemitglied uns nach Kräften in der Verfolgung dieses Zieles beistehen und so die Interessen und Rechte nicht nur einzelner Wenigen, sondern der Gesammtheit fördern."