Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1900)
- Date
- 1900-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 34 — Leben eines Anden in Wrügge. Ein deutscher Hattdeljnde, Abraham Most, trug, wie so viele, im Gefolge der Napoleonischen Truppen sein Bündel durch die Welt. Er wurde auf diese Art einmal nach Belgien verschlagen und ließ sich in der Stadt Brügge nieder. Da lebte er einige Jahrzehnte still und unbescholten; er sammelte keine Schätze, aber er gewann sein tägliches Brod. Entfernt von Freunden und Glaubensgenossen, mitten in der Hauptstadt des tiefkatholischen Flandern, wo seit der Judenverfolgung im 14. Jahrhundert kaum ein Kind Israels unter ihm gelebt haben mochte, entwöhnte er sich nach und nach aller jüdischen Bräuche. Er legte keine Betriemen an und feierte kein Passahfest, und da ihm niemand etwas in den Weg legte, so schien er am Ende selber zu vergessen, daß er ein Jude war. In einigen Familien von Brügge war Most, wegen seiner schlichten und ehrlichen Gutmütigkeit, gern gesehen. Besonders oft kam er in das Haus des Herrn Brabant, Capitäns im 15. Infanterieregiment. Er wurde bei den Leuten allmählig so beliebt, daß man ihn vermißte, wenn er sich lang nicht blicken ließ. So lebte er dann zufrieden fort; hatte er nun doch ein Asyl, wo er zuweilen Trost und Teilnahme fand für sein isoliertes Leben. Endlich kam das Alter; die Kraft zur Arbeit verließ ihn und da er, wie gesagt, kein Vermögen erworben hatte, so sah er sich, mit grauen Haaren und in weiter Fremde am Bettelstab. Most kam noch oft zu Brabant's, plauderte mit der Frau und spielte mit den Kindern, aber seine Heiterkeit war erzwungen; Angst und Sorge lag unverkennbar auf seinen Zügen. Der zartfühlende Brabant erriet, was Most nicht beichten konnte, und lud den Alten ein, zu ihm in's Haus zu ziehen. Der früher als Gast so freundlich aufgenommen zu werden pflegte, sollte nun wie ein Mitglied der Familie sein. Dem alten Hausjuden ward der patriarchalische Ehrenplatz eingeräumt am Tisch und Kamin; er wurde gepflegt und geliebt von Brabant und Frau wie ein Vater, von den Kindern wie ein Großvater. So vergingen fünf Jahre eines rührenden Zusammenlebens. Der alte Most sah dem . Tode entgegen und ihn beschlich eine Sorge, die Mancher belächeln mag, ditz aber jeder Menschlichfühlende natürlich finden wird: die Sorge, was nach dem Tode mit ihm werden solle. In der That, was sollte man in dem rein katholischen Flandern mit der Leiche des Juden anfangen? Und lag die Befürchtung nicht nahe, daß die Prvselytenmacberei sich in seinem letzten Augenblicke drängen und seine Angst um ein ehrliches Grab benützen werde, um eine Seele zu gewinnen? Most aber war, auch ohne Gebetriemen und Passahfest, in seinem Herzen dem Judentum treu geblieben. Und nun befiel ihn ein tiefes Heimweh nach den Gräbern seiner Väter. Im Tode wenigstens wollte er bei Denen ruhen, von denen er sein Lebelang getrennt gewesen, die aber gleich ihm, freudlos und einsam durch die Welt gegangen. Als er daher auf dem Sterbebette lag und mit brechendem Herzen