Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1900)
- Date
- 1900-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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33 schwerer körperlicher Arbeit scheuten, suchte aus dem Talmud Stellen hervor, die ihre Feindschaft und Rachsucht gegen Andersgläubige beweisen sollten, zum Teil aus deni Zusammenhang gerissen, zum Teil falsch ausgelegt oder geradezu gefälscht waren, und entblödete sich nicht einmal, die alten Märchen von der Hostienschändung und dem Ritualmord aufzufrischen. Es bildete sich eine förmliche Partei der Antisemiten, deren Streben es war, die Jude» gesellschaftlich und womöglich auch geschäftlich zu isolieren, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft zn verleiden und zu verkümmern, sie ins Ausland abzuschieben. Auch, wo man sich nicht offen zum Antisemitismus bekannte, ließ man sich doch von der Strömung fortreißen. Jüdische Schüler wurden nicht nur von christlichen Mitschülern, sondern selbst von Lehrern verhöhnt und verspottet, auf den Universitäten schloßen nicht nur die Corps» sondern auch die Burschenschaften jüdische Studenten von den Verbindungen aus. Die Einjährig-Freiwilligen ließ man zum Offiziers-Examen nicht mehr zu, Juden sollten nicht mehr Richter sein können, weil sie nicht Christen vereidigen dürften» man erschwerte ihnen das Notariat. Selbst die zum Christentum übergetretenen Juden wurden nicht voll geachtet. Die Folge dieser maßlosen Anfeindung war selbstverständlich, daß die Juden sich ebenfalls wieder enger aneiuanderschlossen, um gemeinsam ihre Verteidigung zu führen, was übrigens mit Geschick und großer Selbstbeherrschung geschah, und daß sogar der Zionismus unter ihnen wieder zu Kräften zu kommen bestrebt war. Aber höchst bedauerlich war die Wirkung nach einer anderen Seite hin. Waren die Jude» schon früher dazu gedrängt worden, sich auf das Handels- und Geldgeschäft, auf den Beruf des Arztes und Advokaten zu beschränken, sn sahen sie sich jetzt die Wege zu den Staatsämtern und nun gar zum Militär völlig verlegt, zu den Schuläintern noch mehr erschwert, und es war daher nur natürlich, daß ihre Intelligenz sich nach Seiten Bahn brach, die sich noch zu geistiger Bethätigung öffneten. So strömten sie der Presse zu, wurden Schriftsteller und' Journalisten in viel größerer Zahl, als wie sie das Bevölkerungsverhältniß bedingte, erwarben und gründeten Zeitungen, bemächtigten sich der Kritik und mißbrauchte» wohl auch gelegentlich ihren Einfluß und ihre Macht. Ebenso unverhältnißmäßig schoben sie sich in gewisse Kunstgebiete, indem sie sich namentlich musikalisch ausbildeteu, Theater leiteten und sich als Schauspieler versuchten. Es ist mir nicht mehr zweifelhaft, daß hier der natürliche Ausgleich erfolgen würde, sobald die Gleichberechtigung der Staatsbürger aller Konfessionen aufhören würde» nur aus dem Papier zu stehen. Rur hat das Geschrei über die Judenpresse und über das Judentheater keinen vernünftigen Halt, so sehr mancherlei Auswüchse des Spekulationsgeistes auch zu beklagen sein mögen."