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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-02-01 · Heft 2 (1.2.1900) · p. Seite 31

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 2 (1.2.1900)
Date
1900-02-01
Page
Seite 31 (sequence 8)
Language
German
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31 Auch das Altertum erlebte eine solche Krisis, als es ermattet und erschöpft mit seinen Göttergestalten auch die göttlichen Ideale verloren hatte. Da sah man auch nur die Übel und Leiden des Daseins, um über das Weltelend zu weinen, und es fehlte nicht an Rednern, die das Weh und Unglück des Lebens mit solchen schwarzen Farben zu malen wußten, daß viele Hörer, vom Eindruck ihrer Worte ergriffen, den Dolch sich auf der Stelle ins Herz stießen! Ja, ist das wechselreiche Dasein nicht von einem göttlichen Ideal, von einer gütigen Vorsehung geleitet und getragen, — denn je eher diese qualvolle Last abgewälzt, je rascher der schmerzdurchzuckte Lebensfaden zerrissen ist, desto besser. Selbstmord erscheint dem Verzweifelnden die einzige Erlösung. Sv ist denn auch der heutige Pessimismus das Grabgeläute des trotz aller Reaktionsversuche dem Untergang zueilenden Mittelalters und das Kreisen einer neuen Weltanschauung. Er bedeutet einen gewaltigen Umschwung und bezeichnet eine schwere Krisis, ans der die Menschheit sich nur dann erholt haben wird, wenn sie das geistbetäubende Gift des Atheismus und die gemüterregende Galle des Weltschmerzes aus ihrem System wieder entfernt hat. — Gewih^- auch der Pessimismus hat sein Gutes und Heilsames. Gerade die moderne S chmerzensphilosophie soll den hohen, läuternden und sittlichenden Einfluß der Leiden und des Unglücks besser begreifen und würdigen lehren. Es ist der Stachel des Schmerzes, der zu wahrer sittlicher Größe, zu Seelenadel antreibt. Aus dem thränengetränkten Boden des Mitleids ersprießen die Blüten und die Krone der Jugend, der uneigennützigen Liebe. Viel zu viel hat bisher in der Religion der Egoismus vorgewaltet: die auf ein gutes Ruheplätzchen im Jenseits für sich bedachte Selbstsucht. Durch das Hervortreten der zarteren Em-; pfindungen infolge des stärkeren Gefühls für das Leiden in unserer modernen Kultur tritt der Eigennutz mehr und mehr zurück und macht der selbstverleugnenden Liebe, der hingebenden Pflichterfüllung Platz im sozialen wie im religiösen Leben. Der Charakter tritt immer mehr als das Gold ans Licht, das aus dem Schmelztiegel der Läuterung gewonnen wird. Glück und Glückseligkeit erscheinen als Nebensache in der sittlichen Beurteilung des Menschenlebens. Nicht aus Liebe zum Lohn, sondern aus Liebe zum Guten wird das Gute geübt. Tugendhaftigkeit, Vollkommenheit, Gottähnlichkeit — das ist der Endzweck des Daseins — Heilige Weihe und Hingebung verleihen ihm den Wert und entfalten den Glanz der Unsterblichkeit, der Gottesnatnr. — Ja, es ist ein guter, heiliger Gott, der uns führt und auf seinen Armen trägt. Mit ihm begreifen mir die Welt, wie sie aus der Nacht zum Tage, aus Elend zu verdoppelter Beglückung und aus dem Tod zu erneutem Leben sich emporringt. Ohne Gott starren uns nur quälende Rätsel und Öden der Verzweiflung a». Wir sind an Geist und Gemüt erschöpft, erregt und überreizt. Darum lasset uns die Haud der Religion ergreifen, die uns wieder glauben, lieben und hoffen

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