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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-02-01 · Heft 2 (1.2.1900) · p. Seite 30

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 2 (1.2.1900)
Date
1900-02-01
Page
Seite 30 (sequence 7)
Language
German
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30 in den goldenen Ketten des Familienlebens als früher? Die Statistik behauptet das Gegenteil. Oder ereignen sich sonst größere und zahlreichere Unglücksfälle? Auch davon ist das Gegenteil war. Welche Macht treibt denn nun wirklich die Menschen; heute dem Schwermut, der entnervenden Melancholie, dem Selbstmord brütenden Pessimismus in die Arme? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Die Menschen haben erst Gott aus ihrem Denksystem und sodann auch aus ihrem Herzen verloren. Ohne Gott und ohne Ideal sind die meisten nur ihrem Götzen: dem Genuß und Gewinn, nach- : gejagt. So lange das ihre Seele anspornte und anfüllte — so lange es noch zu erraffen und zu erhaschen, zu erobern und zu erlangen galt, was den unersättlichen Durst aller nach Gold und Gut stillen mochte, — so lange der Geschäftsmann wie der Tagelöhner, der gelehrte Forscher wie der Staatsmann noch uneroberte Gebiete vor sich sah — da konnte man Gott und das Göttliche entbehren. — Nun erst, da man an die Schranken und Grenzen gestoßen, über die der schwache Sterbliche doch nicht mehr hinaus kann, da macht sich das Gefühl der Gereiztheit . geltend. Man fühlt jetzt erst, daß der Genuß und der Erwerb, Ehre und Aintstitcl,; sie mögen noch so glänzend und verlockend erscheinen, die Kosten des Lebens nicht j decken, daß sie für alle die Mühen und Opfer, für all die Leiden und Drangsale, die j das Dasein dem Menschen auferlegt, nicht entschädigen. Aller materielle Genuß j und Gewinn befriedigt am Ende nicht und läßt nur die bittere Hefe der Enttäuschung '■ zurück. Das Losungswort des Materialismus ist: „ Laßt uns essen, trinken und I schwelgen, denn morgen sterben wir doch!" Darauf antivortet der Pessimismus: j „Und wenn ihr gegessen, getrunken und geschwelgt habt, was dann? Hört ihr das; Sterbeglöcklein dann nicht? Vergällt Euch nicht die bittere Hefe der Ernährung den; ganzen Kelch des Freudengenusses? Das beste ist, mit Resignation das Leben hin- 1 zunehmen, zu seufzen, bis der letzte Seufzer verstummt ist!" Allein, was ist schließlich damit erzielt? Wer ist größer und bewundernswerter, die Frau Hiobs, die da spricht: «Fluche Gott und stirb!" oder der edle Dulder, der über sein Leid sich erhebt zum Preis Gottes, der giebt und nimmt? Unserer Zeit gebrichts an Seelengröße. Ihre Herzensarmut hat den moralischen Bankerott herbeigeführt. Herz und Hirn stehen in gar enger Beziehung zu einander. Das Blut, das gegen den Kopf strömt, erzeugt in den Herzenskammern eine Leere, die sich durch fieberisches Zucken und Pochen bemerklich macht. Der übermäßige Verbrauch der Nervenkraft bewirkt Überreiztheit, Unruhe, Mißstimmung und düsteren Schwermut. Das erfährt jetzt unsere Zeit, der in Folge der Überanstrengung und Überanspannung der Denkkraft, das Gemüt in fieberhafte Unruhe «geraten ist, so daß der Weltschmerz, der Pessimismus, der wie der Geier, alle Schönheit und Pracht der Erde überschauend, nur die Leichen des Lebens erspäht, um sich daran zu weiden, alle Lebenslust vergiftet hat.

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