Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1900)
- Date
- 1900-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zum Urbrei der Welt, zum Nichts? — Täuschen wir uns nur gar nicht. Sind Wahrheit und Güte, Vollkommenheit und Gerechtigkeit keine erlogenen Dinge, keine Truggestalten und Ammenmärchen, sondern Säulen und Träger der Welt, leitende Ideen des Kosmos, Heerführer und Bannerträger der Menschheit — nun dann sind sie, die besten Widerlegungen des Atheismus. Sind sie Lügen und leere ' Schatten — nun, dann ist die Welt ein Tollhaus und wir sind Narren, wenn wir dies leidige Leben mit seinem ewig wogenden Kampf und seinem bohrenden Schmerz, mit seiner Müh und Trübsal so fortschleppen und auf der Schaubühne unsere tragikomische Rolle ausspielen, bis über unsere Leichen der Vorhang fällt. Es giebt nur eine folgerichtige und gedankenklare Weltanschauung des Atheis- . »ms, und das ist der trübselige, die Welt verachtende Pessimismus. Der steht im > Universum keine Harmonie, die man anstaunen, keine Weisheit und Vollkommenheit, die man bewundern, keine Güte und Größe, die man nachahmen kann. Der erblickt überall so viel Tod und Elend, so viel Siechtum und Leiden, so viel Unglück und Qual, daß nur der Sturm des Zufalls oder ein Gott, der selber nichts von sich weiß, dieses sonderbare Ding, das wir Leben nennen, zusammengebracht haben kann. Und es wäre das beste, diesem Spiel mit dem Revolver ein Ende zu machen, wenn nicht die Würmer und Maden das tolle Leben von neuem begännen. Ja dieser Weltschmerz ist eigentlich die rechte Modekrankheit. Der Pessimismus ist die . Philosophie des Tages. Der Atheismus ist stark im Absterben begriffen. Aber der . Pessimismus macht alle Tage größere Fortschritte. Auf den Siegesrausch der Nach- > forschung ist der Katzenjammer erfolgt. Seltsam, sehr seltsam! Wo giebt es ein Zeitalter, das dem Wohlstand der Menschheit solche zahlreiche Quellen erschlossen, das so viel Glücksgüter aus seinem Füllhorn in den Schoß aller Gesellschaftsklassen geworfen hat, als unseres? Immer niehr dehnen sich die Grenzen menschlichen Schaffens und Leistens aus. Immer größer wird der Spielraum, immer weiter und großartiger die Aussichten, die sich dem Menschenfleiß und Witz, dem Arbeiter und Forscher auf allen Gebieten des; Daseins eröffnen. Eines solchen Wohlbehagens, eines solchen Luxus und. Komforts hat1 sich kaum der reichste des vorigen Jahrhunderts erfreuen können, wie sie dem gewöhnlichsten Tagelöhner — wenigstens hierzulande — heute zu Teil werden — : und welcher wohlhabende tauschte heute mit einem Fürsten und Herrscher früherer Zeiten? Aber vergleiche man damit die Stimmung, die heute angesichts dieser zur Lust und Fröhlichkeit ladenden Gaben der Zeit die Menschheit beherrscht! Horcht, wo ihr wollt, in den Sälen der Große», in den Kreisen der Niedrigen, lauschet. - auf die stillen Worte der Denker und auf die tiefempfundenen Herzensergüsse der Dichter: — immer und überall dieselbe Klage und Verzweiflung, dieselbe Unzufriedenheit und Trübseligkeit. Allen, den im Glück Schwelgenden wie den mit der Rat. Ringenden, erscheint das Dasein mit all seinen Farben verdüstert und das Hitlers vorherrschend im Kelche des Genusses. Reißt 'heute wirklich der Tod mehr Lücken '