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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-02-01 · Heft 2 (1.2.1900) · p. Seite 28

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 2 (1.2.1900)
Date
1900-02-01
Page
Seite 28 (sequence 5)
Language
German
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28 Nein. Der Atheismus ist nichts als eine krankhafte Anmaßung des Menschengeistes, alles wissen und verstehen zu wollen. Wie Trunksucht, Schwelgerei und Schlemmerei aus übler Gewöhnung stammende Leidenschaften sind, so hat sich der Hang des modernen Verstandes, alles anzuzweifeln, zu einer Modekrankheit ausgebildet, so daß jeder Bube mit seinem frivolen Spott sich vernünftiger dünkt, als die größten Denker der Welt, als ein Newton, Kant und Darwin, um nur die drei Begründer der modernen Weltanschuung zu nennen, die allesamt in Ehrfurcht vor dem unsichtbaren Einen sich beugten. Der Atheismus ist ein krankhafter Zustand, eine Krisis in unserer Kulturbewegung und damit ist schon beinahe gesagt, daß er ein notwendiger Durchgangspunkt zur höheren Gesundheit, wie so manche Kinderheiten. Die alten Weisen sprechen ein großes Wort, wenn sie sagen: Wie an dem Tempel Salomo's mit den guten auch die bösen Geister, Aschmedai mit Michael, mitgearbeitet haben, so werden an dem großen Gottestempel der Zukunft die Geister der Zerstörung so gut wie die guten Engel der Belebung Mitwirken. Ja, derselbe Sturm, der den ehernen Götzenkoloß Nebukadnezars zertrümmerte, weckte die totgeglaubte Jsraelsgeineinde vor Ezechiels Augen aus dem Grabe zu neuem Dasein. Der Atheismus muß sein Teil zur Neuerstehung des reinen Gottesglaubens, zur Neubelebung.des religiösen Bewußtseins in der Menschheit beitragen. Er mußte; und muß die Religion der Furcht ausrotten und entwurzeln, damit die Religion in den geläuterten Herzen und Geistern neuerstehe, damit Gott in ungeahnter Majestät in's Menscheninnere einziehe und dort seinen Sitz nehme. Himmels Lockspeisen und Höllenfurcht, blinder Glaube und kleinlicher Lohndienst müssen der Liebe weichen und der Mensch muß aus Liebe zum Guten das Gute üben und aus heiliger Gottessehnsucht das Gemeine und Lasterhafte meiden und hassen lernen. — Der Atheismus muß wie ein Gift einem Fieberkranken, dem von Dogmenglauben und Formendienst geschwächten religiösen Gemüt wieder frische Kraft und Rüstigkeit verleihen, daß der sittliche Mensch lerne auf eigenen Füßen zu stehen und mit selbständigem Streben und Handeln gottgleich zu werden, Gottesseligkeit in der Tugendübung zu kosten, ohne Aussicht auf Marzipan und Zucker im Paradies und ohne Furcht vor der Rute und dem feurigen Pechkessel in der Hölle! Das ist die Bedeutung, die heilsame Wirkung des Atheismus in der Geschichte. Aber sein Verbleiben im System der Menschen wirkt wie Arsenik und Strychnin, Tod und Verderben bringend. Es bedeutete den Untergang, nicht blos der Religion, nein, aller Sittlichkeit, aller Wissenschaft und Kunst. — Giebt es über dem Menschen kein Höheres mehr, das ihn empor zieht, kein Urbild des Schönen, des Guten und Wahren mehr, kein Ideal, dem er nachstrebt und nachfolgt — fängt die Welt beim schimmernden Sternenatom an, um beim Menschen als dem Allerhöchsten, zu enden — was steht da der Menschheit weiter bevor, als zu fallen, und immer tiefer in den Urschlamm alles Sinnlichen hinabzusinken bis zum Tier, ja weiter hinab bis

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