Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, bei den Rednern des Hamburger Parteitages das religiöse Wissen auf ein Minimum zu beschränken und ihrem christlichen Urteil so gut wie nichts znzutrauen, so viel werden doch auch sie sich sagen, daß ihre Anschauung vom Alten Testament auch das Neue über den Haufen wirft und die Autorität Christi vernichtet. Es bedarf darüber gar keiner Worte. Schon ein kleines Schulkind weiß, daß Jesns nicht gekommen ist, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen. Aus solchen Äußerungen, wie sie in Hamburg gefallen, spricht nicht nur ein antijüdischer, sondern auch ein antichristlicher Geist. Es wäre dringend zu raten, daß man hier überhaupt nicht mehr das Christentum in den Mund nähme und von einer Befreiung des deutschchristlichen Geisteslebens faselte. Was dieseni Rassenantisemitismus allein entspricht, ist der Kultus eines Rassengermanisnius, bei dem vom Christentum nichts übrig bleibt, vielleicht auch bald nichts mehr vom deutschen Volke selbst, dem wahrhaft „auserwählten." Gewiß sind nicht alle Antisemiten dieser Überzeugung, und auch in Hamburg mag mancher nur mit innerem Protest jenen Ausfällen gefolgt sein Aber sie halten damit den rollenden Wagen nicht auf, und die große Masse folgt stets den Extremen. — Aus Würzbnrg wird geschrieben: Die „Salzburg", die alte bei Bad Neuhaus gelegene Kaiserburg, wurde in den letzten Wochen von dem Architekten Di-. Otto ans Großlichterfelde vermessen und photographisch aufgenommen. Dabei wurde an der früheren Synagoge im südwestlichen Eckzimmer, auf der Hofseite des sogenannten „Jägerbaues" eine alte längstgesuchte hebräische Inschrift wiedergefunden. Sie befindet sich oberhalb der Thüre und gibt in Goldlettern eine Stelle aus dem Talmud wieder. Der Text wird mit Abbildung der zahlreichen und interessanten Funde, welche die Nachgrabungen ergeben haben, demnächst in einem großen Werke veröffentlicht. — Herr Rabbiner F. Slum, bisher in Pfalzburg, ist zum Rabbiner in Mühlhausen gewählt worden. — Das Louis Sachs'schen Ehepaar in Kerlin hat aus Anlaß seiner silbernen Hochzeit ein Genesungsheim gestiftet. — In Kifsingen starb nach 36jähriger Wirksamkeit Herr Rabbiner M. L. Kamberger. — Im Nachlaß des verstorbenen Orientalisten Zickel in Jena haben sich mehrere Widmungen von Goethe's Hand vorgefunden. Eines der Blätter enthält folgende Worte: „Meine Hauptlehre aber bleibt vorläufig diese: Der Vater sorge für sein Haus, der Handwerker für seine Kunden, der Geistliche für gegenseitige Liebe, und die Polizei störe die Freuden nicht! Weimar, 20. Oktober 1830. I. W. v. Goethe." — Über Handel und Handelseigenschaften der Juden im Altertum schreibt Prof. Konrad Zacher in Kreslau in einem Aufsatz „Antisemitismus und Philosemitismus in klassischen Altertum" (Pr. Jahrbücher. Oktober 1898), folgendes: „Bon den Elementen des modernen Antisemitismus entfällt für das klassische Altertum gänzlich oder fast gänzlich das des Antikapitalismus. Die Anklage des Wuchers oder der geschäftlichen Unredlichkeit finden wir von den Judenfeinden des Altertums nie gegen die Juden erhoben. In Unredlichkeit und geschäftlicher Geriebenheit konnten ja auch Griechen und Syrer nicht überboten werden, und die Römer gaben diesen glicht viel nach.