Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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274 — und dahin flohen die Schatten einer sechswöchentlichen Krankheit, o Sulamith. Gleich dem sanften Säuseln eines milden Zephyrhauches stieg Deine Seele zur Höhe Diese Seele sprach einstens in unfern Miltwochdialogen zu mir: „Wissen Sie, was die Bibel ist? Ich merkte mir wohl den Ausspruch meines Bruders, der die Seele meiner Seele gewesen: Die Bibel ist die Hausapotheke Gottes für die leidende Menschheit." Ich aber nehme aus dieser Hausapotheke heute die süßeste Pastille und reiche sie denen, die da leiden und Leid tragen um Dich. Die süßeste Pastille aus dem göttlichen Arzneischranke heißt Seligkeits- und Unsterblichkeitsglaube. Wer so gelebt wie Du für des Lebens höchste Ideale, dessen Haupt schmückt in göttlicher Verklärung der Jmmortellenkranz der Einigkeit, die Krone unendlichen Seins. So wollen wir denn scheiden von dem, was sterblich an Dir gewesen, würdige Patriarchin. Es ist der allerletzte Mittwochdialog unserer Seelen: Deine Stimme flüstert uns zu: Ich ziehe hinauf zu den Bergen der Myrrhe, zu den Hügeln des Weihrauchs. — Ich aber künde Dir im Namen Deiner geliebten Kinder, Deiner zahlreichen Freunde: Ziehe hin in Frieden, gesegnet von Deiner Familie, Deiner Vaterstadt, von Deinem deutschen Vaterlande, gesegnet auch von Deinem Vater im Himmel, dem Du die Treue hieltest bis zur stillen Gruft! Ziehe hin in Frieden zu den immergrünen Auen des Lichtes, des beseligenden Heils, des himmlischen, des ewigxn Friedens. Amen! Worte der Trauer, gesprochen an der Bahre des sei. Herrn Prof. v>. Robert S t e i n h a r d, geb. 25. Oktober 1849 in Hildburghausen, gest. 25. Oktober 1899 in Frankfurt a. M. von vr. Adolf Brüll (29. Oktober 1899.) Geehrte Trauerversammlung! Im Namen des Schulrates und des Lehrerkollegiums ergreife ich das Wort um Dir, teurer Entschlafener, den Scheidegruß zu bringen. Jeden anderen Liebesdienst, gerne hätte ich ihn Dir erwiesen, doch dieser geht mir ans Herz. Ich stimme ein in den Klageruf des Dichters (Hiob 3, 25): Ach! wie ist zur traurigen Wirklichkeit geworden, was wir in den letzten Tagen mit betrübten Herzen bange haben vorausgeahnt und gefürchtet. Entrissen ist uns für immer der treue Genosse, der vortreffliche Mensch, der uns so nahe gestanden, so nahe mit seinem kenntnisreichen Geiste, so nahe mit seinem edlen Herzen, so nahe mit seinem segensreichen Wissen. Auf der Höhe des Lebens stehend hat ihn der Tod zu unserem Bedauern mitten aus seiner Wirksamkeit herausgerissen, und sein Jubeljahr hat sich ihm in Not und Tod und uns in Trauer und Schmerz verwandelt. Ach! wie ist ihm die Zeit der Erholung, nach der er sich diesmal ganz besonders sehnte, zur Zeit bitteren Kummers und schwerer Leiden geworden. Wir hatten keine Ahnung, daß wir bei der letzten Schul-