Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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273 her erscheint, oder worin denn die magische Kraft bestehe, durch welche sie ihn aufrichtet, so habe ich dafür nur eine Antwort. Er leidet, weil er fern vorn deutschen Vaterlande sein Heimweh nicht verwinden kann, sie aber, die deutsche Frau, giebt ihm für wenige Augenblicke die geliebte deutsche Heimat wieder. Wer weiß ob die Schwäche seines Charakters, die Schwankungen seiner Seele in Wahrheit und Dichtung so sehr zu Tage getreten wären, wäre diese echte deutsche Frau immer in seiner Nähe geblieben, oder hätte er die deutsche Heimat nie verloren. Deutsch, wie der süße Mutterlaut unseres Vaterlandes, war das ganze Wesen der Heimgegangenen. Deutsch war ihre Lebensführung, ihr Haus, das ihr die Welt galt. In diesem Hause, wo sie nach dem Tode des Mannes die treueste, rührendste Pflege von des teuersten Sohnes Hand erfuhr, waren ihr große Ehrungen zu Teil geworden selbst von hohen und höchsten Persönlichkeiten. Hier erschien einst die holdselige Lichtgestalt der gottbegnadeten Kaiserin und Königin Elisabeth von Oesterreich'Ungarn, die dem großen Bruder der Freundin ein Denkmal gesetzt hat in ihren Palästen zu Wien und Korfu. Wir waren Zeugen ihrer schmerzlichen Trauer um den Verlust dieser hochedlen Fürstin. Da weinte sie wie ein Kind und meinte: Wie ist es möglich, daß ich die jugendschöne Frau überleben sollte. Auch von den Mitgliedern des genannten Kaiserhauses wurde sie des öfteren ausgezeichnet. Den überaus zahlreichen Besuchern gegenüber offenbarte sie eine Cchlagseitigkeit, die an die Geistesblitze ihres Bruders lebhaft erinnerte. Es ist bezeichnend, wie sie einmal einem ungestümen Herrn aus den südlichen Gefilden der feurigen Rebe geantwortet hat, als er sie unmittelbar nach ihrer Begrüßung gefragt hatte: „Wo ist das Heine-Museum?" Sie antwortete: „Dieses Museum bin ich!" — Ich könnte so manchen dieser ihrer Geistesblitze von neuem aufleuchten lassen; aber ich halte ja eine Leichenrede. — Es ist bezeichnend, und ich darf es bei der Gelegenheit wohl aussprechen, wie sie mir vor zwei Jahren am 18. Oktober die Bitte vortrug, ich möchte ihr doch die Leichenrede vorlesen, die ich ihr halten soll. Meine Erwiderung lautete, ich sei nur auf einen Geburtsingsspruch vorbereitet; wer könnte denn auch angesichts ihrer Jugendfrische und Rüstigkeit an die letzte Stunde denken! „Nun, und was enthält dieser Geburtstagsspruch?" fragte sie. Darauf antwortete ich: Alle Besucher aus nah und fern, sie kommen zur Schwester Heine's, ich aber komme zu ihr selber. Gerührt dankte sie und erwähnte dann des Heimgegangenen Freundes Ludw. Aug Frankl, des österreichischen Dichters, den ich vor sieben Jahren die Ehre hatte, ihr zuzuführen. Aber eines möchte ich noch hinznfllgen: sie war nicht nur treu in der Liebe, sie war auch treu im Glauben. In seltener Pietät gedachte sie ihrer Ahnen und ihrer patriarchalischen Sitten. Sie war nicht das, >vas man fromm nennt, aber ' nicht nur aus Pietät, sondern mit dem Freimute der Überzeugung hielt sie treu bis in den Tod zur Religion ihrer Väter. So bist Du denn fortgezogen, nachdem sich gekühlt Dein sonniger Lebenstag