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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1899-12-01 · Heft 12 (1.12.1899) · p. Seite 272

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
19 (1899)
Issue
Heft 12 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
Seite 272 (sequence 8)
Language
German
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272 zugeben, denen ihre Verehrer so gerne ihr Ohr liehen. Schon ahnen wir, wie sich das Grab austhut, für das zu Ende gehende Säkulum, dessen Fortschritte und Segnungen wie dessen Kämpfe und Wehen sie durchlebte. Selbst nach dem Unfall des vor acht Jahren erfolgten Hüftenbruches und nach der wunderbaren Errettung aus Todesgefahr infolge der vor drei Jahren vorgenoiiimeiien Operation hat ihr geistiges Leben, ihre frohe Laune keine Einbuße erlitten. Sie las alltäglich ein halbes Buch mit und ohne ein Augenglas und vergnügte sich an ihrem Lieblingsspiel „Grabüge," empfing allwöchentlich regelmäßig ihre Freunde und besprach Erscheinungen der Litteratnr. Schon kühlet sich der Tag dieses Jahrhunderts, schon neigen sich seines Abends Schatten, unsere Sulamith aber spricht: „Lasset mich ziehen zur Paradieseshöhe, zu den Bergen der Myrrhe, zu den Hügeln des Weihrauchs". Und so zog sie dahin, die hier berühmte Erdenpilgerin zu den Weihrauchshügeln des unsterblichen Ruhmes, den erst das Reich der Verklärung jenseits des Grabes beut. Von einer unserer ersten Patriarchinen, die 127 Jahre alt geworden, ward ausgesagt: Sie war zu 100 wie zu 20, zu 20 wie zu 7 Jahren. Was das bedeuten will, das ist dasselbe, was wir hier als einen lebendigen Commentar geschaut, zu 100 hatte sie noch dieselbe Anmut, denselben Liebreiz, denselben bestrickenden Zauber, wie zu 20, denselben kindlichen Sinn wie zu 7 Jahren; aber ihr Geist war tief gebildet, und erhob sich über das Niveau des gewöhnlichen Sterblichen, und was ihm das Zeugnis der Reife aufprägte, das war die Beziehung zu dem brüderlichen Dichter auf dem deutschen Parnaß, der sich von ihr leiten ließ, weil sie ihn vollends verstand; ihr las er die kunstvollen Werke seiner Lyrik vor, ihr Urteil war ihm maßgebend für die klassischen Erzeugnisse seines Geistes, die sie für die kostbarsten geistigen Schätze der allgemeinen Weltlyrik dieses Jahrhunderts hielt. Für diese hat sie einmal ihr Leben gewagt, als sie einen großen Teil seiner Gedichte aus den Flammen des brennenden Elternhauses errettete. Sie hat mit liebevoller Schwesterhand manche Falte auf der sorgenschweren Stirne des leidenden geliebtesten Lebensgenossen geglättet. Als er fern vom deutschen Vaterlande in der Hauptstadt Frankreichs krank an Leib und Gemüt daruiederlag, verließ sie ihr geliebtes Heini und eilte zu ihm zu seiner „Matratzengruft" und wenn sie um ihn war — und sie blieb nahezu 3 Monde, bis sie die Krankheit einer geliebten Tochter heinirief — waren seine Schmerzen gelindert; denn, so sprach er: „Sie allein besitzt die magnetische Kraft, die meine Leiden zu mildern vermag". — Es ist nicht meine Aufgabe, den Dichter, um dessentwillen sie berühmt geworden, in seinen« Können, Schaffen und Wirken hier hervorzuheben, aber die Beziehungen zu ihm und seinem Schaffen, und den Anteil, den Charlotte Embden- Heine an seinem Genius genommen, flüchtig zu streifen, dünkt mich um so notwendiger, als wir dadurch ihren hohen Geist und ihren edlen Charakter besser zu würdigen vermögen. Wenn ich mich frage, warum fühlt jener sich so selig, ivenn sie um ihn

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