Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Heiße Thränen fließen über das Angesicht des teuren Sohnes, der geliebten Töchter, zahlreicher Enkel und Umenkel; bange Seufzer entringen sich der Brust unendlich vieler Bewunderer, Verehrer und Freunden von nah und fern. Denn das geistsprühende Auge, der beredte und silberhell lachende Mund, die wohlthätige ivarme Hand haben sich geschlossen, und die chuftigen Gaben der Liebe und Verehrung, sie schmücken nicht den wonnigen Raum eines 100jährigen Geburstagskindes, sondern seinen armseligen Totenschrein. Vor meinem Geistesauge liegt das „Buch der Lieder", jenes poetisch-erhabene Buch der heiligen Schrift ausgeschlagen, das sich nennt „Lied der Lieder", das hohe Lied des weisesten Königs, dessen Heldin Sulamith die Friedliche gewesen. Sie spricht im hohen Liede Kapitel 4 Vers 6: „Ehe sich kühlet der Tag, und die Schatten entfliehen, lasset mich ziehen zu den Bergen der Myrrhe, zu den Hügeln des Weihrauchs." Wo fände ich einen geeigneteren Text für dieses mein Totenamt angesichts der sterblichen Reste dieser Sulamith, deren Schritte durch das Leben mich lebhaft erinnern an die Worte in diesem hohen Liede: „Wie lieblich waren Deine Schritte hinieden, Tochter der Edlen." Als eine Tochter der Edlen, des seligen Samson Heine und dessen durch Geistesadel ausgezeichneter Frau Betty von Geldern zu Düsseldorf am 18. Oktober 1800 geboren, zog das Kind des sonnigen Südens mit ihren Eltern und ihren drei Brüdern auch dem Norden, nach Oldesloe, nach Lüneburg nnd zuletzt nach Hamburg, woselbst der große Wohlthäter unserer teuren Vaterstadt, Salomon Heine, die blühende für Kunst und Wissenschaft, für alles Hohe und Ideale begeistert glühende Jungfrau als seine Lieblingsnichte in seine Nähe zog. Hier bewies sie die tiefempfundene Pietät gegen den Vater, der in ihren Armen verstarb, hier schmiegte sie sich mit seltener kindlicher Hingebung an die vergötterte Mutter, hier belauschte sie jeden Pulsschlag ihrcs genialen Bruders, hier verband sie sich 1823 mit ihrem Gatten Moritz Embden, an dessen Seite sie in glücklichster Ehe 43 Jahre die Pflichten der deutschen Frau gewissenhaft übte, hier widmete sie sich in zärtlichster Mutterliebe ihrem einzigen Sohne und den drei Töchtern. Hier fand die schon seit der Kindheit besonders bei Wohlthätigkeitskonzerten die Herze» bezwingende Gesangskunst, reiche Pflege unter Leitung des rühmlichst bekannten Organisten Schwenke, der hingerissen vom Zauber ihrer Stimme sie in die exclusivesten Patrizierkreise einführte. An der Seite des Gatten lebte sie dann ein schönes, stilles Leben der Häuslichkeit, in welchem sie aber allen Pulsschlügen der Litteratur des Jahrhunderts ihr regstes Interesse zuwandte. Hier, wo die deutsche Muse ihren Kuß gedrückt auf die Stirne des heißgeliebten, aber ebenso von Vielen heißgehaßten Bruders, mit dem sich ihr Geist so verwandt fühlte, nahm sie den lebhaftesten Anteil an seinen Schöpfungen, trat sie in Beziehungen zu edle» Denkern und Dichtern, so z. B. zu Carl Gutzkow, Ludwig Wihl, Carl Töpfer u. A. Sie ging mit dem Jahrhundert, an dessen Pforten sie geboren ward, und vermochte durch die Kraft ihres fabelhaften Gedächtnisses und die Lebhaftigkeit ihrer Phantasie bis lurz vor ihrem Heimgang die Eindrücke von Erlebnissen eines Jahrhunderts wieder-