Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1899)
- Date
- 1899-11-01
- Page
- Seite 256 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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256 r. demselben heißt es unter Anderen,: Der praktische Intellekt, die Ausdauer, Geschicklichkeit und Nüchternheit, die Gottesfurcht und weise Selbstmäßigung der jüdischen Rasse mag allen Völkern und Nationen als großartiges Beispiel voranleuchten. Einzelne, die von Neid ersüllt sind, machen es dieser Konfession zum Vorwurfe, daß. Niemand die Kunst des Kirchenredens besser kenne, als die Inden. Das ist wahr. Denn Niemand bekundete einen feineren, praktischen Sinn, strengere Einfachheit, auf alle Gebiete sich erstreckende, unermüdlichere Arbeitsainkeit und zäheren Willen, sowie ausdauernden Eifer in der Bethätignng guter Handlungen, als die Inden- Die Habgier nnd Gewinnsucht, die bei anderen Nationen und Konfessionen die höheren Ideen unterdrücken und die Quelle des Göttlichen austrockneu, sind bei dieser Rasse nicht i», Stande, die Herrschaft über die Religion zu gewinnen nnd die edlere Sittlichkeit zu ersticken . . . Wir alle sind Kinder eines Schöpfers, eines Gottes. Mit brüderlicher Liebe müssen wir einander zugethan sein. Zieht doch das Gebet der Christen, Juden und Mohammedaner auf einem Wege zum gnädigen Gotte. . . Der Pacteihaß, die konfessionelle Intoleranz, die so sehr schändlichen Schreckbilder des Unwissens, durch welche der strahlende Glanz des Fortschrittes und der Kultur verdunkelt werden, mögen sie aufhören und mögen wir einander gleich werden durch die beseligende Huld des Glaubens, was mit der Expiieruug der spanischen Jnquisiton gleichbedeutend sein wird. — Carpentras, in welcher Stadt der begnadigte Dreyfus bei seinem Schwager Valabreque Aufenthalt genommen, ist in der jüdischen Geschichte bekannt. Dadurch daß die jüdische Gemeinde daselbst einen eigenen Ritus abweichend von den deutschen-und jephardischen hatte, und sich in vornehmer Absonderung von den anderen Juden hielt. In der Zeit der Gründung des Frankenreiches durch Chlodwig geschieht schon der Judengemeinde vor Carpentras Erwähnung. In Carpentras durften die Juden als sie aus dem übrigen Frankreich vertrieben wurden sogar Grundbesitz erwerben. Die reichen Brüder Samuel und Bondion Crescas aus Carpentras genossen hohes Ansehen und waren vielleicht päpstliche Finanzminister. 1570 mußten die Juden Carpentras verlassen und wanderten nach der Türkei aus. Als die französische Nationalversammlung die bürgerliche Gleichstellung der Juden dekretierte, lebten in Carpentras 700 jüdische Familien mit über 2000 Seelen. Die Valabreques galten schon damals als die vornehmste Familie von Carpentras nnd sind Antony als Poet und Kunstschliftsteller und Albin V. als Dramatiker und Vaudevellist bekannt geworden. — In der „Aurore" giebt Lieutenant Ködert Lerouge, ein Kollege Dreyfus von der Kriegsschule her, eine Erinnerung an den Kapitän zum Besten „Es war im Frühling des Jahres 1880", schreibt Lerouge, „da traf ich wieder mit Dreyfus zusammen, nachdem ich ihn zwei Jahre nicht gesehen hatte. Er kam mir entgegen, gerade als ich auf dem Wege vom Montmartre zum Boulevard begriffen war. Er machte große Schritte. „Wohin?" fragte ich hn, indem ich ihm die Hand reichte. „Ich geh' in die Synagoge," antwortete er,