Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1899)
- Date
- 1899-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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247 von sich abznwerfen. Andere, welche die Macht der Gewohnheit, der Einfluß ihrer Jugenderziehung oder ein Gefühl kindlicher Liebe zu dieser Lehre hinzog, die sich aber dabei doch für überzeugt hielten, daß eine Versöhnung derselben mit der freien Wissenschaft, mit der fortschreitenden Bildung, mit dem zur Erstarkung gelangten Selbstbewußtsein der Menschheit nicht möglich sei, glaubten die ihnen teuere Religion nicht anders retten zu können, als wenn sie die Erkenntnis dem Herkommen unterordneten, als wenn sie jede Prüfung des Judentums sorgsamst weideten und jeder Berührung und Verbindung desselben mit dem Geiste der Wissenschaft sorgfältig aus dem Wege gingen. O! sie wußten es nicht, in welchen unseligen Irrtum sie sich mit einer solchen Meinung hineinlebten, welch' einer argen Verkennung, welch' einer schweren Beleidigung des Judentums sie sich da schuldig machten, indem sie dachten, daß dieses nur im Dunkel gedeihen, nur auf der gedankenlosen Anhänglichkeit seiner Bekenner beruhen könne, aber nicht Stand zu halten vermöge, so der Strahl der menschlichen Vernunft, so das Licht der freien Wissenschaft es beschiene. Was war aber in einer solchen Zeit, in der das Judentum noch in der armseligen Gestalt, die ihm der Druck früherer Jahrhunderte aufgezwungen einherging und nur Wenigen der Reichtum seiner geistigen Hoheit sich erschlossen hatte, anderes denkbar, als daß da der Abfall und dort der Verfall, da der Hohn und dort die Peinlichkeit, da die Entfremdung und dort die Erstarrung seiner Anhänger sich bemächtigen und es auf falsche Bahnen lenken, es seinem Untergänge entgegeyführen werde? Da trat Abraham Geiger auf, faßte offen und mutig die Erscheinungen der Zeit in's Auge, schaute tief in das Herz, in die Seele des Judentums hinein, erforschte den Grund seines Wesens, den Gang seiner Entwickelung, erkannte den lebenden Geistesquell, von dessen Flut es durchströmt wird, die ewige Lebensmacht, die ihur ein stets verjüngendes Dasein spendet. Das Licht einer neuen Erkenntnis erweckte in seinem Herzen die Glut einer hingebeuden Begeisterung, erfüllte ihn mit einer höheren Überzeugung; auf den verödeten Gefilden Israels pflanzte er mutig das Banner des Fortschritts auf und siehe — ein neuer Frühling erwachte in ihrem Schoße, ein Heller Morgen stieg über ihrem Dunkel auf, aus ihren Tiefen trat ein reges, reiches Wachstum des Wissens und Lebens hervor. Ja, in solchen entscheidungsvollen Zeiten, in denen eine alte Welt zusammenbricht, in denen der ewig waltende Geist seine alten Formen sprengen, seine alten Hüllen abwerfen will, um in neuer Verjüngung und Herrlichkeit in die Zukunft hinauszuschreiten, da bedarf es einer einsichtsvollen Würdigung, eines ungetrübten Verftüuduisses seines Wesens, wenn er sich nicht entziehen und verflüchten soll. Da bedarf es der Weisen, die in seinen lichten Quell hinabdringen, die seine hohen Ziele erkennen und so einer kräftigen, segensvollen Neugestaltung ihn entgegenführen. Was wäre nach der Einäscherung des Zioustempels durch die Römer, als den Gemütern Freude, Trost und Hoffnung genommen waren und mit dem Erlöschen der Opferflammen auch das Licht Israels erloschen zu sein schien, wohl aus unserer