Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1899)
- Date
- 1899-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Lehre geworden, hätte nicht ein Jochanan b. Sakkai ihr da eine neue Bahn der Entwicklung geöffnet, indem er aussprach: Lasset euch bei dem Anblicke der Zerstörung nicht bange werden! wo der Geist der Eintracht und Versöhnlichkeit Israel beseelt, da bedarf es nicht der Opfer von Fleisch und Blut; wo die Herzen Altäre der Menschenliebe sind, da bedarf es nicht der Altäre von Stein und Staub? Wird nicht ein Moses b. Maimon, ob auch einst seine geisteshellen Schriften von verblendeten Finsterlingen den Flammen preisgegeben wurden, heute noch einstimmig als ein j zweiter Moses gefeiert, weil er in einer Zeit, in der düsterer Wahnglaube die Geister umnachtet, es gewagt hat, mit seinem „Führer der Verirrten" die verlassenen Pfade der Erkenntnis zu betreten, das unheimliche Dunkel, das sich immer dichter um das Heiligtum unserer Lehre znsammengezogen, mit dem leuchtenden Strahl des Gedankens zu verscheuchen? Ebenso, gel. And. wird stets unser verewigter Abraham Geiger in Israel gerühnit und gefeiert werden, denn auch er hat zu einer Zeit, in der unserer Lehre eine neue Bahn der Entwicklung sich öffnen mußte, ihr diese gezeigt und gegeben, er hat von dem Judentum, davon seine eigenen Angehörigen so verächtlich sprachen, die Schmach und den Hohn genommen, er hat es zu Glanz und Ehre erhoben,, indem er den unvergänglichen Geist desselben in seiner Herrlichkeit und Lichtfülle erschloß und offenbarte. Wir blicken in die Vergangenheit des Verewigten, in die erste Hälfte dieses Jahrhunderts zurück, als die Stimmen der Zeit ernstlich mahnend an die Lehrer Israels herantraten, als so Viele, die das Judentum nur seiner äußeren Gestaltung nach beurteilten, daran nur dorrendes Gras und abgewelkte Blumen erkannten, einen morschen Stamm, der den Stürmen einer mächtigen Geistesbewegung nicht gewachsen sei. Auch Abraham Geiger horchte auf diese Stimmen, obwohl gar Viele ihnen furchtsam ihr Ohr verschlossen, und aus dem Grunde einer auf hoher Erkenntnis, tiefer Einsicht, reichem Wissen, lichtem Denken j beruhenden Ueberzeugnng verkündete er den erlösenden Ruf: Was da Gras ist, mag j dorren, was da Blume ist, mag welken, doch das Wort Gottes bestehet ewiglich, ] die Lehre der Wahrheit geht nicht unter! Und so werden auch die Geschlechter der Zukunft zu ihm als zu einem der größten Lehrer des Judentums emporblicken, zu ihm als dem Vater einer neuen, geläuterten Anschauung, zu ihm als dein Schöpfer einer vertieften Überzeugung und erhabenen Geistesrichtung, der, ob auch anfänglich ein Einzelner, dem Wenige sich anschlossen, gegen den Viele ankämpften, doch unbeirrt und siegesgewiß auf dem Pfade der Wahrheit vorangegangen und so ein Wegweiser für alle Besserstrebenden, ein Segen für ganz Israel geworden ist. Solche edle Frucht, die aus der reichen Geistessaat des Verewigten in das Leben hiueingreift, konnte aber nur auf dem Grunde vollendeter innerer Seeleugröße erwachsen. Nur durch die Hoheit seiner Gesinnung, durch die Klarheit seines Denkens, durch seine Hingebung, durch seine Ausdauer im Dienste der Wahrheit und der Wissenschaft, im Dienste des Fortschritts und der Geistesfreiheit konnte der Verewigte