Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1899)
- Date
- 1899-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Jur Erinnerung an Abraham Geiger. Geb. 24. Mai 1810 in Frankfurt a. M., gest. 23. October 1874 in Berlin. Rede, gehalten am 7. November 1874 in der Hauptsynagoge zu Frankfurt am Main von Rabbiner Dr. N. Brüll, s. A. „Zu ewigem Angedenken bleibt der Gerechte". (Pf. 112, 6.) Meine andächtigen Zuhörer! Eine traurige Erinnerung umschwebt heute diese Stätte, von der herab der versammelten Gemeinde das Wort der Belehrung ertönt und zuströmt, denn als es an einem der letztvergangenen Sabbate hier verkündet wurde, da waren kaum erst die Nachklänge einer freudigen Festzeit verhallt, da war in den Herzen auch noch nicht die blässeste Ahnung jenes beklagenswerten Ereignisses aufgestiegen, dessen Andenken sie nun mit Wehmut erfüllt; und heute, da wir wiederum hier stehen, um die heiligen Mahnungen und lichtvollen Aussprüche unserer Lehre zu vernehmen, ach! wie könnten wir davon schweigen, daß der Mann, der bis noch vor wenigen Jahren sie von hier aus mit erhebender Kraft und Wärme verkündet, der diese Stätte mit dem Glanze seines lichtspendenden Wortes umstrahlt, der durch dieses Haus den erquickenden Strom seiner Rede ergossen, daß unser hochverehrter, weitberühmter Rabbiner vr. Abraham Geiger nicht mehr unter den Lebenden ist? Wenu ganz Israel klagend nach dem Grabe des verklärten Heimgegangenen hinblickt, wenn in den weitesten Kreisen der Menschheit die Männer der Erkenntnis gebeugt dastehen, weil eines ihrer teuersten Häupter in den Staub gesunken, wenn die Tora sich in ein Trauergewand hüllt, weil eine ihrer herrlichsten Leuchten in der Finsternis des Todes erloschen ist, dann ist die Wehmut, die eine solche Trauerkunde nt unseren Herzen erweckt hat, eine nicht geringere, ja eine tiefere, denn der Verewigte war unser! unser als ein Kind dieser Stadt, unser als ein Lehrer dieser Gemeinde! O! Die Betrachtung, der diese Stunde gewidmet ist, entfernt sich dadurch nicht von ihrem Ziele, verliert dadurch nichts an der ihr zukommenden Weihe und Erbaulichkeit, wenn sie heute, anstatt über den Inhalt des verlesenen Schriftabschnittes sich zu verbreiten, auf das Leben und Wirken dieses großen Verblichenen sich hinlenkt, denn auch dieses Leben war eine Lehre, dieses Wirken ein erhabenes Vorbild, das ganze Sinnen und Schaffen des Verewigten ein erhebendes Zeugnis des in Israel waltenden GotteSgeistes, eine segensvolle Großthat für alle Geschlechter d«r Zukunft. Wir wollen sie daher schweigen lassen, die Stimmen der Belehrung, deren Zuruf wir heute aus der Tora vernehmen, und, ob auch dadurch für diese Stunde ein düsterer Grabesschatteu über die leuchtende Sabbatweihe sich ausbreitet, doch sprechen von dem schweren unaussprechlichem Verluste, der uns und das gesummte Israel betroffen, und, indem wir in dessen Andenken uns vertiefen, uns ein Bild entwerfen von den hervorragenden Verdiensten, von dem edlen, segensreichen Wirken unseres unvergeßlichen Abraham Geiger.