Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- Seite 235 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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richtung eines speziellen Cursus zur Heranbildung von Religionslehrern im Einvernehmen mit dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde neue Formen gewann und nach Erledigung der nöthigen Vorarbeiten in dem am 15. April dieses Jahres einstimmig gefaßten Beschlüsse, diesen neuen Curs schon im Oktober dieses Jahres ins Leben treten zn lassen, zum Ausdrucke kam. Der Bericht des Rektors sagt: „In dem reichen Lehrgehalte des Judentums liegt es tief begründet, daß der Zusammenhang zwischen dem Gottes- und Lehrhause in Israel zu allen Zeiten ein fester und inniger gewesen. Das israelitische Gotteshaus, das erst im Laufe der Jahrhunderte ein Bethaus geworden, war ursprünglich eine Stätte der Volksbelehrung, denn das allererste israelitische Heiligtum ist der Lehre, der Bundestafeln wegen errichtet worden. Die Religion Israels wendet sich in erster Reihe an den Verstand und in zweiter Reihe durch den Verstand an das Gemüth; daher kommt es, daß mit der beginnenden Prävalenz der erbaulichen Bestandteile des Gottesdienstes im Jerusalemischen Tempel selber ein Lehrhaus entstanden ist. Dieses Lehr-' Haus bildet durchgehends die Ergänzung der Synagoge. Die Annahme, daß die moderne Kanzel der Belehrung genug biete, war ein gewaltiger Irrtum, den das heutige Geschlecht durch seine Unwissenheit in jüdisch-religiösen Dinge» hart genug zu büßen hat, und eine Besserung der traurigen Verhältnisse kann erst dann wieder eintreten, wenn daß „Beth ha Midrasch" von Neuem zu seinem alten Rechte gelangen wird. Nur in einem Punkte hat die neuere Zeit von der alten sich zu unterscheiden, darin nämlich, daß das eigentliche Lehrhaus in dem Gotteshause ebenso wie diese in jenem eine Ergänzung finde. — Der 23 jährige Kürschner Leopold Hilsner wurde bei dem Kreisgerichte in Kuttenberg wegen Verbrechens des Mordes angeklagt. Man beschuldigte ihn am 29. März die Agnes Hruza im sogenannten Brezinawalde bei Polna ermordet oder an ihrer Ermordung mitgewirkt zu haben. Von Seiten der Antisemiten wurde Alles aufgeboten um das alberne Märchen vom Ritualmorde auf diesen Fall anzuwenden und riefen dieselben durch niedrige Agitation eine mächtige Gährung hervor, unter derem Einflüße die Richtenden standen. Am 15. September wurde H. wegen Mitschuld zum Tode durch den Strang verurteilt. Hilsner hat nach der Verurteilung gestanden den Aufpasser gemacht zu haben und hat neue Angaben gemacht. Wir sehen der Erneurung des Prozesses entgegen und hoffen, daß der Protest der Wiener israelitischen Cultusgemeinde und des Rabbinats, der dem Ministerpräsitenden, dem Justizminister, dem Eultusminister und Stadthalter überreicht wurde, wenigstens dazu beitragen wird, daß die unverschämte Lüge vom Ritualmorde, der weite Volkskreise verseucht hat, bei der Urteilsprechung, nicht wie das erste Mal, den Hintergrund bilde. — Perfid, wie immer, hatte der „Soir", in der unverschämtesten Weise die Ansprache entstellt, die der Groß-Rabbiner von Frankreich, Herr Zadok-Kahn, aus Anlaß des Versöhnungstages gehalten hat und auf die die Nationalisten und Antisemiten sich stützen, um eine Maßregelung des