Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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206 der Gattin und Familie des bemittelten Geisteskranken ein, um mit dem Besitze desselben den Hausstand der mittellosen Ehegattin zu erhalten^). Wie in rechtlicher Hinsicht, behandelt die talmudische Wissenschaft die Geistesschwachen im Sinne ethischer Pädagogik. Beachtenswert in dieser Richtung ist die Mischnah"): Im Gegensatz zu den Weisen wagt der Thor das Wort zu ergreifen Männern gegenüber, die au Geist und Bedeutung hervorragen, unterbricht die Rede eines andern, übereilt sich mit der Antwort, versteht nicht passend zu fragen und angemessen zu antworten, die Antwort der Frage entsprechend anzureihen, zu bekennen von dem was er nicht gehört hat, daß er es nicht vernommen, und die Wahrheit einzugestehn. — Ähnlich verhält sich Maimonides") Geisteskrankheiten gegenüber, die weniger auf pathologische Gründe, als auf moralische Mangelhaftigkeit zurückgeführt werden. Die Heilung kann durch Befreiung von Leidenschaften und durch eine Besonnenheit erzielt werden, die von Gegensätzen entfernt stets die harmonische Mitte innerhalb der Eigenschaften der Seele hält. Nicht selten wird im Talmud möralisch-intellektuelle Unzulänglichkeit der in die Diskussion unbefugt und unberechtigt eingreifenden Personen mit den Waffen der Satyre bekämpft^) Tie hierbei ans Personen und Gegenden angewandten Attribute sind, wenn auch nicht im sanitätischen, so doch im moralischen Sinne zuweilen höchst unschmeichelhaft"). Insbesondere ist Babylonien zum Öfteren die Zielscheibe ironischer Witze, welches Land als so verfinstert bezeichnet wird, wie die Männer und Lehren, welche von dort stammen"). Mit heiligem Ernste aber werden die wirklich Kranken im Gemüte behandelt, deren Vernehinungsfähigkeit im rechtlichen Sinne durch die richtige Angabe von und „Nein" begründet wird^). Die Ehrfurcht vor der Majestät des Schmerzes, welche im rabbinische» Schrifttum zum Ausdrucke gelangt, ist erhebend und ergreifend zugleich") Gegen krankhafte Traumeserscheinungen wird in einem besonders hierfür verfaßten Gebete um Heil und Heilung gebetet"). Auf geistig geschwächte Gelehrte wird die Sentenz in feinfühliger Weise angewandt"): Auch den geborstenen Bundestafeln gebührt ein Ehrenplatz im heiligen Schrein. Die Genesung eines Geisteskranken wird für ein größeres Wunder der göttlichen Gnade gehalten, als die Errettung der Märtyrer Chananjah, Mischael und Asarjah"). Denn das Flammenscheit des irdischen Dulders vermag ein Mensch auszublasen, das Feuer aber, welches die Seele des Märtyrers des Geistes durchglüht, nur der Hauch der göttlichen Liebe. Auch find diejenigen, »velche unschuldig gelitten haben, selbst geistig überragenden Persönlichkeiten vorzuziehen, welche des Lebens und des Schicksals Ungunst oder Mißgunst niemals 2) Ketuboth 48 a. a) Pirke Aboth 5, 10,3) Acht Abschnitte, Abschnitt III und IV. *) Menachotk 80 b. 5) Sabbath 104 b. 5) Brnchoth 17 b. Behoroth 28 d. * 7 8) Gitin 67 a. 8) Z. C. Jalkut Schimeoni zu Deut. 28, 29. 9) Brachoth 55 b. 10) Menachoth 99 a. a) Nedarim 41 a.