Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969865-2969875--5790-2975105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 man allenthalben hinter unserem Rücken, machte uns Platz und die Kameraden thaten uns alle Ehre an. Stolz reckten wir unsere Köpfe in die Höhe und glaubten beinahe daran, wichtiger zu sein als die Anderen. — So flössen unsere Kindertage im sanften Strome voll heiterer Glückseligkeit dahin, spielende Wellen, die in munterer Ausgelassenheit sich des Sonnenlichtes freuten. Dies Sonnenlicht war unser Vater. Von einer nngeivöhnlichen Mutter, an der wir mit göttlicher Liebe hingen gehegt und gepflegt, regierten wir geschäftig das von unserer kindlichen Phantasie erzauberte Reich, ein Königtum ohne Grenzen, in welchem wir ein glückbegnadetes Zwillings-Herrscherpaar, voll Sorglosigkeit schalteten. Da eines Tages nahm uns unser Vater bei der Hand und sprach: „Ihr müßt zur Schule!" Dabei leuchteten seine Augen in mildem Feuer, und wärmten unsere Herzen, die in kindlicher Bestürzung aufklopften. „Denn", fügte er mit der ihm eigenen sanften Rede hinzu, „aus euch soll etwas werden." Also wir waren noch nichts! In unseren Köpfen begann ein lebhaftes Regen und Bewegen und mitten durch das Chaos neugeborener Gedanken drängte es sich znm Durchbruche: die teilnehmende Beachtung der Leute, ihre freundlichen Mienen, ihre Zuvorkommenheiten, sie galten dein Vater. Was war er, dieser kleine und doch respektheischende Mann? Unsere kindliche Neugierde wurde rege, und >vir eilten zu ihm, um auf die vielen Fragen, die uns auf der Zunge brannten, Antwort zu holen. Da erzählte er uns die große Geschichte seiner Vergangenheit; wie er als Knabe seinem Vater den Tempelgesang abgelauscht, nach dessen Tode an seine Stelle gelangte, und dann als Wunderkind hinauszog in die weite Welt, an Vater statt der vielköpsigen Familie das Brod verdienend. „Stets", sagte er, „hat mich das stolze Bewußtsein erfüllt, für meine Glaubensbrüdcr gewirkt zu haben, und als Kind schon der Dolmetsch ihrer Bitten und Klagen gewesen zu sein. Mir that es wohl" — fuhr er fort — „wenn Greise bittend die Hände zum Kinde erhoben, es möge seine Wünsche einflechten in seinem Gebete. Die ganze Begeisterung für meinen heiligen Beruf flammte dann in meinem Liede auf." Noch manches ans seiner erlebnisreichen Vergangenheit bekamen wir zu hören, von den tausend und abertausend geistlichen und weltlichen Liedern, die er, duftige Blüten eines klingenden Frühlings, auf seinen Lebensweg gestreut. Seine Berufung an die Wiener und Mailänder Opernbühne, und wie es ihn mächtig zurückzog zur Cantorenkanzel, die er, — der große Wiener Jsraelitentempel in der Leopoldstadt war inzwischen vollendet worden — endgiltig einnehmen sollte. Indem wir seinen wundersamen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten, lernten wir diesen Mann bewundern, der, arm an weltlichen Gütern, freigebig das Gold seiner Kehle gab.