Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Bald zog es uns ins Gotteshaus, und wir blickten verwundert zu unserem Bater auf, der in singender Zwiesprache mit Gott die Hände flehentlich zum Himmel hob. Ergriffen lauschten wir ans den Wundermann, dessen Glockenkehle klingende Freude und klagendes Leid in die Herzen der Andächtigen läutete. War das ein Sang! Seine ganze Seele hallte davon. In den Tönen jubelte die Dankbarkeit des Glücklichen und schluchzte das Weh des Unterdrückten. Er sang Thränen der Freude und des Leids. Er hob die große Gemeinde auf Flügeln des Gesanges und trug sie mit tönenden Schwingen zu Gott empor. So zeigte uns seine Lichtgestalt immer den Weg, den wir wandeln sollten, und wir folgten willig, gehorsam, unselbständig, lebten eine sonnige ewige Gegenwart, die uns die Güte unseres Vaters bereitete, der nur dann seine Hand erhob, wenn er uns segnete. Eine glückliche Zufriedenheit schwellte uns die Brust und dämpfte jedes ehrgeizige Streben. Wir wollten nicht mehr sein, als wir waren — seine Kinder. Vier Jahrzehnte waren vergangen, in denen er seiner Gemeinde gedient und eine Schaar von Bewunderung Erfüllter rüstete sich, den Feiertag des Tempelsängers zu begehen. Hat er vierzig Jahre für das jüdische Volk gebetet, an diesem Einen Tage bat ein Volk für ihn, und in das tattsendstimmige Loblied der Gemeinde für den Meistersänger mischte sich unser begeisterter Dank für den Meistervater- Und er reckte seine kleine Gestalt nicht in die Höhe, er beugte sich, als wüßte er, daß Gott um dieser Kehle lauterstes Gold die kleine Gestalt geschaffen, auf daß der Sänger seine heilige Sendung erfülle: Ihr sollt ihn hören und nicht sehen. So sang er sein Jubellied. Laut pochte ihm das Herz, dessen rasche Schläge ihn inmitten dieses bedeutungsvollen Lebensabschnittes zum erstenmale an die Vergänglichkeit gemahnt haben mochte». Ein Todesahnen überfiel ihn. Er sang es nieder. Da, am 41. Jahrestage seines göttlichen Berufes, am Sabbath, stellte sich der Tod neben ihn. Er warf ihn nicht aufs Krankenlager, drohte nicht mit dürren Knochenfingern Verderben und grinste nicht mit kahlem Angesicht aus grausigen Augenhöhlen Vernichtung. In unsichtbarer Gewandung stellte er sich ihm zur Seite, lauschte noch seinem zaubervollen Gesang, und erst als er den liederreichen Mund geschlossen, folgte er ihm aus dem Gotteshause — unhörbar. Dann vollbrachte er sein grausames Werk. Rasch, mitleidsvoll.