Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 vertrauen sollen. Die giebt uns auch keine Zuflucht, wenn wir in der Bedrangniß ihrer bedürfen, die spottet unserer am Tage, da die Gunst des Geschickes uns verläßt und belohnt das Vertrauen, mit dem wir uns ihrem Gebote untergeordnet, mit kaltem, treulosem Hohne. Da ist die Weisheit der Phönizier und Jdumäer, die sich nur groß zeigt, wo es gilt vergängliche Güte zu erwerben, irdische Besitzthümer zu mehren und irdische Schätze auzuhänfen, die kein Auge hat für das Höhere und Ewige die uns den Reichtum des wahren Menschthums verleihen, das ist die Weisheit von der der Prophet Obadja sagt: „Es kommt ein Tag, spricht der Herr, da wird die Klugheit schwinden, untergehen die Weisheit, die auf dem Berge Esaus wohnt." Nur wo Tugendsinn, Edelsinn und Gottessinn verbunden sind mit Fleiß und Arbeit und Klugheit, wo des Menschen Denken und Wollen und Streben ist getragen von dem Geiste der Wahrheit und Rechtlichkeit, von dem Bewustsein hoher und edler Lebensziele, da ist die Weisheit zu Hause, die uns ein Quell der Wonne und der Befriedigung ist, auch wenn sich das Leben für uns in eine Wüste umwandelt, die uns Stärke und Trost verleiht, auch wenn alle die freundlichen Gaben des Geschickes uns verlassen, das soll unsere Weisheit, die Weisheit Israels sein, die wir nach der Mahnung unserer Lehrer uns bewahren sollen als den Schatz unserer Einsicht und Erkenntnis vor den Augen der Völker, so daß jeder der von dem heiligen Gottesgesetze hört dem wir folgen, es erkennen muß, daß Israel groß dasteht durch die Weisheit, die es aus seiner Lehre schöpft. Und ist es nicht in der That die sittliche Gedankenhoheit, die erhabene Lebensanschauung, die große und herrliche Wahrheit unsere Lehre, die uns seit Jahrtausenden hat geschützt und erhalten, die unsere Väter hat hoch erhoben in ihrer Erniedrigung und die auch uns jetzt noch Ansehen und Achtung und Ehre verschafft im Kreise unserer Mitmenschen. Wahrlich! Israel war auch schon mächtig, so mächtig, daß Fürsten ihm dienten und Völker sich vor ihm beugten, aber die Macht war es nicht, die es groß machte in den Augen der Völker für die Dauer der Zeiten, die zersplitterte, wie ein gebrechlich Gefäß, das man zu Boden wirft. Israel war einst einflußreich und angesehen, sein Wort entschied über das Geschick von Staaten, auf seine Ratschläge horchte man wie auf Offenbarungen des Himmels und siehe auch die Gunst zerrann wie ein Schatten und half ihm nicht am Tage der Erniedrigung — Israel war auch schon einst reich und vielvermögend, seine Häuser füllten sich mit Geld und Gut und Schätze flössen ihm in Strömen zu — aber auch sie waren ihm kein Anker der Rettung in dem Schiffbruch der Zeiten. Israels eigentliche Macht und Ehre und Größe besteht in der Lehre seiner Wahrheit, die ist ihm stets ein Baum unvergänglichen Lebens und ein Denkmal des Ruhmes vor den Völkern gewesen, daß sie um ihretwillen es achteten, es verehrten und bewunderten. Wenn Moses seine Hand erhob, da siegte Israel über Amaleck. Wenn Israels Geistesblick auf seine hohen und ewigen Lebensziele gerichtet war, da wurde es von himmlischer Gotteskraft beseelt, gegen die alle die niedrigen irdischen Ankämpfnngen nichts vermochten.