Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 "“'T' . ' - - viel rastlose Tage und schlaflose Nächte, wie viele verzweifelte Versuche und vergebliche I Kämpfe ehe es uns gelingt, in den vergänglichen Glanz und Schimmer uns zu J kleiden, der uns nach Außen den Schein des Großen und Erhabenen geben soll —? wie mancher, der sich damit sein Grab bereitet und seine Zukunft zerstört! — und am Ende, wenn wir an das Ziel solcher Wünsche gelangt sind — wie wenig befriedigt? uns das! wie entzündet das in unserm Herzen von neuem die Glut des Wetteifers - um des Eitlen und Nichtigen und Vergänglichen willen! Wahrheit erwirb und gieb sie nicht preis, das ist ein wirkliches und dauerndes und unverlierbares Gut, lerne zunächst wahr denken, rüste deinen Geist mit echter i Lebensweisheit aus und du hast Waffen, mit denen du auch in den schwersten Kämpfen des Lebens bestehen und siegen wirst! Reichtum und Ehre und Menschengunst und Machtstellung — das sind allerdings Glücksgüter und Segensgaben, die das Erdenleben schmücken und verschönern, aber sie können uns auch zum Unheil und zum Verderben werden, wenn wir unser Wesen daran knüpfen und unser ganzes Dasein von ihnen abhängig machen, sie sind doch nur gebrechliche - Stützen, die einst wanken können, wenn wir noch so fest sie umfassen, und wehe i uns wenn wir dann des inneren geistigen Haltes entbehrten, der allein uns i anfrichtet am Tage der Not und Prüfung. Nur die Weisheit, die auch das Ganze | und Ewige, nicht blos das Flüchtige und Vergängliche unseres Daseins im Auge j hat, die in den Nebeln der Täuschung das Licht der Wahrheit nicht erlöschen läßt,; die rettet uns die menschliche Würde und Selbstständigkeit, auch wenn unsere äußere Macht und Ehre in Trümmer zerfällt, sie giebt uns auch in der Armnt Beglückung, in der Erniedrigung Hoheit, in dem Falle Erhebung, in der Verzweiflung Mut und; Hoffnung und Tröstung. Und wißt Ihr, wie wir solche Seelengröße erlangen, woher wir solche Weisheit und Geisteskräfte schöpfen? Die Gottesfurcht ist ihr Quell,; die Religion ist es, die uns den unverwüstlichen Lebensmut, das unverlöschliche Wahrheitslicht spendet, die/ wenn das Gewebe unserer Erdenwonnen zerfällt — uns den rettenden Faden reicht, mit dem wir in der Wirrniß unseres Daseins uns wieder zurecht sinden, und so lange es besteht, uns wenigstens davor bewahrt, daß es uns ein Schlingnetz der Verführung und des Verderbens werde. Wahrheit erwirb und gieb sie nicht Preis, Weisheit und Lehre der Tugend! Es giebt auch eine falsche Weisheit, eine solche, die es zu sein vermeint und doch nicht ist, die uns mehr beirrt, als ausklärt, eine halbe und unvollkommene Weisheit, die den Blick einengt und die Erkenntniß schmälert, anstatt daß sie uns sollte ein hell und weitstrahlendes Licht sein, die gerade das,, was wir am ehesten wissen sollten, vor uns verbirgt und verhüllt, ja auch eine verderbliche und sündhafte Weisheit, die den Verstand schärft und zugleich die edleren Gefühle des Herzens abstumpft, die alle Kräfte unserer Seele sammelt, um sie in den Dienst der niederen Selbstsucht zu stellen und uns nichts zurückläßt au reinem freiem Sinn für das Edle und Gute. Diese ist es nicht, deren Rate wir folgen, deren Führung wir uns an-